Bis aus dem Rohling das pralle Weib wurde, gingen viele Stunden ins eiszeitliche Land. Immer wieder setzte der Künstler seine Feuersteinklinge an dem Klumpen aus Mammutelfenbein an, er schabte, schnitzte und kratzte. Die Späne flogen auf den Boden der Karsthöhle, bis nach und nach das Stück Stoßzahn die Gestalt einer Nackten annahm. Im flackernden Licht einer Fettfunzel konkretisierte der Künstler mit unterschiedlich tiefen Kerben die Extremitäten: seitlich angelegte Arme, Hände, einzelne Finger. Schließlich schmierte er, als Schleifmittel und Politur, sandigen Lehm vom Höhlenboden in einen Lederlappen und verpasste damit dem Körper sanfte Rundungen und Glanz.

Würde das Objekt heute geschaffen, es gälte wohl als Werk eines sexistischen Machos. Denn der Frauenkörper endet am Hals, anstelle eines Kopfs: nur eine Öse. Auch die Füße fehlen. Die Brüste dagegen – offenbar zentrales Motiv – sind wuchtige Kugeln, hochgereckt. Deutlich herausgearbeitet auch die massigen Hüften und das primäre Geschlechtsmerkmal. Als die Archäologin Maria Malina 40.000 Jahre nach seiner Entstehung das plastische Werk stückweise aus dem Boden einer Grotte im schwäbischen Achtal holte, glaubte sie zuerst, eine Bärenfigur entdeckt zu haben. Aber als sie das deutlich eingekerbte V und den Spalt im Schritt sah, wusste sie: "Das ist kein Bär."

Vor 40 Jahrtausenden war so viel dargestellte Weiblichkeit ein Novum in der Kunst. Heute gilt die sechs Zentimeter hohe "Venus vom Hohle Fels" als älteste Frauenfigur der Welt. Und ihr Fundort auf der Schwäbischen Alb, die Grotte Hohle Fels zwischen Schelklingen und Blaubeuren, liegt in einer der spannendsten Kulturregionen der Welt. Zugegeben, in der Gegenwart ist die Schwäbische Alb nicht der Gipfel kultureller Avantgarde. Aber vor 35.000 bis 43.000 Jahren war das anders. Damals trieb das kulturell-geistige Leben hier erstaunliche Blüten: Kunst, Musik und Religion erreichten auf der Alb ein weltweit einmaliges Niveau. Vieles wurde hier wohl erstmals in der Menschheitsgeschichte erprobt. Grund genug für die Unesco, den Fundort demnächst zum Weltkulturerbe zu erheben – höchstwahrscheinlich.

Europa im Aurignacien

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Insgesamt sechs Grotten gehören zum eingereichten Antrag von Baden-Württembergs Landesamt für Denkmalpflege. Neben Hohle Fels sind das fünf weitere "Höhlen der ältesten Eiszeitkunst". Sie alle zeigen Zivilisationsspuren aus dem Aurignacien – jener Kulturphase, in der sich der moderne Mensch in Europa auszubreiten begann und die benannt ist nach dem französischen Fundort Aurignac. Dort wurden 1860 erstmals Steinwerkzeuge aus dieser Epoche gefunden. Viel bedeutender dafür sind jedoch längst die zahlreichen Figürchen von der Alb geworden.

Noch steht nicht fest, ob die schwäbischen Höhlen tatsächlich die 42. deutsche Stätte auf der Unesco-Liste werden. Die Auszeichnung wäre mehr als verdient. Denn auch Südfrankreichs Höhlen Chauvet und Lascaux sind längst Weltkulturerbe. Dort verewigten sich Kreative vor mehr als 30.000 Jahren mit genialer Felskunst. Diesem zeichnerischen Werk stehen die Miniaturen, die frühschwäbische Schöngeister viele Jahrtausende zuvor auf der Alb schufen, in nichts nach.

So fanden Forscher in den dortigen Grotten zahlreiche Figuren aus den Anfängen der Kunstgeschichte: Löwen, Pferde, Mammuts, Vögel und gar einen Igel, alle geschnitzt aus Mammutstoßzähnen. Dieser einmalige Elfenbeinzoo hat ebenso höchste Ehren verdient wie die frühen Musikinstrumente und religiösen Artefakte, die hier geschaffen wurden. Die Venus vom Hohle Fels ist dabei nur eine unter vielen Sensationen, auch wenn die Dame definitiv so etwas wie den weiblichen Popstar des Ensembles gibt.

Nicholas Conard weiß genau, wo die Elfenbeinfigur vor 40.000 Jahren liegen geblieben war, wo sie die Zeit des Aurignacien überdauerte, das darauf folgende Gravettien und das Magdalénien, wo sie das Holozän überstand und schließlich bis in die Moderne überdauerte. "Hier", sagt er und zeigt auf eine Stelle am Boden der Höhle Hohle Fels. Mit schweren Schuhen steht der Archäologe in einer tiefen Mulde zwischen weißen Sandsäcken, die während der Abwesenheit der Forscher die Ränder vor dem Abrutschen schützen. Conard braucht keine Markierung, um zentimetergenau zu wissen, wo seiner Mitarbeiterin Malina im Jahr 2008 der wichtige Fund gelang.

Gelingt der Scoop vor der Unesco-Jury, könnte Conard einen Teil des Erfolgs für sich in Anspruch nehmen. Als der Amerikaner 1995 an die Universität Tübingen kam, hatte man aus den Albhöhlen gerade mal ein Dutzend eiszeitliche Kunstobjekte zutage gefördert. Sicher, man wusste um deren Exklusivität. Aber ihre wahre Dimension, die tatsächliche Bedeutung der Gegend für die Kulturgeschichte, erahnte man erst.

Seither ist enorm viel Fundmasse hinzugekommen. Conard startete mit seinem Team nicht nur neue Grabungen (im Geißenklösterle und im Hohle Fels), zwischen 2005 und 2012 durchwühlte er noch einmal gründlich den Abfall seiner Vorgänger, etwa das Untergrundmaterial, das 1931 die Archäologen um Gustav Riek aus der Höhle Vogelherd gekarrt hatten. Mit Erfolg. Insgesamt 67 Kunststücke zählen heute zum Bestand aus den "Höhlen der ältesten Eiszeitkunst". 99 weitere Objekte gelten als "sehr wahrscheinliche" Kandidaten. Angesichts dieser Fülle gehen die Wissenschaftler davon aus, dass in den frühesten Ateliers der Menschheit eine regelrechte Massenproduktion herrschte, dass jedes Objekt im Lauf der Zeit Hunderte, wenn nicht gar Tausende Male angefertigt wurde. Nur eben nicht immer aus stabilem Elfenbein: Hölzerne Objekte verfaulten, tönerne zerbröselten.