1. Wo sitzt hier die Macht?

Schwerin erlebt kurze Wochen der Sedisvakanz. Bald regiert eine neue Ministerpräsidentin.

Schockstarre ist noch ein schwaches Wort für die Zeit, die Ende Mai im politischen Schwerin anbrach: Da verkündete Erwin Sellering, der SPD-Landesvater, seinen Rücktritt. Nicht wegen eines Skandals, sondern weil er krank ist. Seither herrscht eine Art Sedisvakanz, eine Zeit des leeren Amtssessels: Ganz weg ist Sellering noch nicht, wenngleich er sich häufig zur Behandlung zurückziehen muss. Seine Nachfolgerin, Manuela Schwesig, die bisherige Bundesfamilienministerin, ist nominiert. Schwebt bereits über allem. Muss sich aber, natürlich, noch zurückhalten bis zu ihrer Wahl.

Am kommenden Dienstag, am 4. Juli, soll Manuela Schwesig im Landtag zu Sellerings Nachfolgerin bestimmt werden. Wer Schwesig beobachtet in diesen Tagen, dem wird klar: Sie, obwohl vielfach gestählt im Berliner Polit-Betrieb, hat wirklichen Respekt vor der Aufgabe, Ministerpräsidentin zu werden. Auf jenem Sessel zu sitzen, auf dem in Schwerin die wichtigen Entscheidungen für ein ganzes Bundesland gefällt werden – das ist etwas Neues. Manuela Schwesig, eine Hoffnungsträgerin nicht nur der Ost-SPD, muss zeigen, ob all die Hoffnungen zu Recht auf ihr lagen. Seit vielen Jahren lebt Schwesig in Schwerin, mit ihrem Mann und zwei Kindern. Ab jetzt bestimmt sie das Bild von Schwerin entscheidend mit. Und Schwerin bestimmt das Bild von Manuela Schwesig.

2. Wo mampfen die Mächtigen?

Stefanie Drese, 40, SPD-Sozialministerin, über das Restaurant Herzogliche Dampfwäscherei.

"Das Besondere an Schwerin ist, dass alles dicht beieinander ist. Mein Ministerium befindet sich neben dem Landtag, genau wie die meisten anderen Regierungsgebäude. Gleich nebenan liegt die Dampfwäscherei. Was ich an langen Arbeitstagen wirklich schätze, ist der abwechslungsreiche Mittagstisch hier. Es gibt immer ein ordentliches Stück Fleisch, das ist mir als Mecklenburgerin wichtig. Für Arbeitsessen ein perfekter Ort. Weil es sich eben besser arbeiten und denken lässt, wenn die Atmosphäre stimmt. Ich finde, dass im politischen Betrieb Schwerins eine besondere Atmosphäre herrscht. Man kennt sich. Das ist angenehm, und das haben wir in den vergangenen Wochen alle gespürt: Als Erwin Sellering verkündete, dass er sein Amt niederlegt, war das für alle ein Schock. Wir mussten innehalten. Danach sind wir enger zusammengerückt: Es muss ja weitergehen. Beinahe habe ich den Eindruck, dass in diesen Wochen des Übergangs noch konzentrierter und sachlicher gearbeitet wird als sonst."

3. Was brennt Schwerin unter den Nägeln?

Jessica Radtke, 35, betreibt ein Make-up- und Nagelstudio am Schweriner Ratsteich.

DIE ZEIT: Frau Radtke, was brennt dieser Stadt unter den Nägeln?

Jessica Radtke: Ganz klar: dass die vielen großen Einkaufscenter den kleinen Händlern das Leben immer schwerer machen. Wir haben zwei große und zwei kleine Center in der Stadt. Außerdem eins draußen auf der grünen Wiese. Und wissen Sie, was jetzt passiert?

ZEIT: Nein, was?

Radtke: Es wird schon wieder eins gebaut! Das ist doch Wahnsinn. Dabei gibt es hier so hübsche, kleine Einkaufsstraßen. Man kann bei jungen Künstlern tolle Töpferwaren oder Schmuck kaufen. Man kann in Läden Klamotten oder Spielzeug bekommen. Aber je mehr Leute in die Center strömen, desto mehr haben die anderen zu kämpfen, das ist schade.

ZEIT: Sie haben Ihren Laden nicht in der Mall.

Radtke: Natürlich nicht! Der liegt am Ratsteich, in einem kleinen schönen Haus. Zum Glück kommen meine Kunden gezielt zu mir.

4. Wie war das früher hier?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière war von 1990 bis 1998 in Schwerin – erst als Staatssekretär, dann als Staatskanzlei-Chef.

DIE ZEIT: Herr de Maizière, Sie kamen 1990 nach Schwerin. Wie wirkte die Stadt auf Sie?

Thomas de Maizière: Die Stadt war auch 1990 schön, an sieben Seen gelegen. Aber die Schönheit war verfallen. Die Innenstadt, insbesondere die Schelfstadt war kurz vor dem Zerfall. Die Blocks mit Neubauten in Krebsförden waren in Ordnung, aber die Stadt wirkte baulich und auch mentalitätsmäßig gespalten. Außerdem tobte ein Streit, wer neue Hauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns werden soll: Schwerin oder Rostock.

ZEIT: Man sprach damals über nichts anderes?

De Maizière: Das wichtigste Thema war die Hauptstadtfrage. Mit dem Programm "Rettet die Dächer" wurde der weitere Verfall der Innenstadt in Schwerin erfolgreich gestoppt. Die Stadt wollte die Regierung und war doch zugleich irgendwie skeptisch gegenüber zu vielen Dienstwagen. Und angesichts der Wohnungsnot auch gegenüber dem vorhersehbaren Wunsch nach Wohnungen für Ministeriumsmitarbeiter. Schwerin hatte sich aber faktisch gut vorbereitet. Rostock hatte hingegen nur Gutachtenergebnisse vorzulegen.

ZEIT: Was war damals Ihr Lieblingsort?

De Maizière: Meine Lieblingsorte waren Badestellen am Pinnower See. Dort an einem Sommerabend zu baden: unvergesslich!

5. Wohin fahren die Mächtigen?

Rüdiger Streich, 62, arbeitet im Fahrdienst des Landes Mecklenburg-Vorpommern und war 23 Jahre Chauffeur der Ministerpräsidenten.

DIE ZEIT: Herr Streich, lassen Sie uns raten: Im Sommer sind Schwerins Straßen verstopft.

Rüdiger Streich: Ach nein. Das Autofahren in der Stadt ist immer schöner geworden, die Straßen sind so gut wie nie. Aber klar: Im Sommer hat man zu tun, dass man an den Touristengruppen vorbeikommt. Doch als eingefleischter Schweriner kennt man seine Nebenstrecken.

ZEIT: Welche sind das?

Streich: Die verrate ich natürlich nicht.

ZEIT: Ach, kommen Sie.

Streich: Nein, wissen Sie, Schwerin hat viele Einbahnstraßen, da fährt man sich schnell fest. Für Besucher bietet es sich an, das Auto stehen zu lassen, zu spazieren. Das ist sowieso das Beste.

ZEIT: Sie haben drei Regierungschefs gefahren: Berndt Seite, Harald Ringstorff, Erwin Sellering.

Streich: Ja, aber ich spreche nicht über die Politiker, die ich fahre. Das ist Berufsgeheimnis. Es ist interessant, für Politiker zu arbeiten; man kommt an Orte, an die normale Menschen nicht kommen: ins Kanzleramt zum Beispiel. Ich habe das genossen. Aber man muss auch immer Gewehr bei Fuß stehen, das ist der Nachteil.

ZEIT: Die Norddeutschen sind ja etwas knorrig. Zeigt sich das auch beim Autofahren?

Streich: Das kann ich nicht so behaupten. Ich bin nicht knorrig. Ärgerlich ist nur, wenn ein Fahrer vor einem herschleicht und nicht weiß, was er tun soll – oder den Blick auf die Seen genießt.

6. Und wo sind in Schwerin die Gefühle?

Antworten von Daniel Huppert, 36, Generalmusikdirektor der Mecklenburgischen Staatskapelle

Wo man tanzt: Am allerliebsten in meiner Küche. Wenn ich mal Zeit habe zu kochen, einen Rotwein zu öffnen. Und portugiesischen Fado zu hören.

Wo man träumt: Im Park von Schloss Wiligrad. Der ist traumhaft, am See, gegenüber sehen Sie die Liebesinsel. Ein verwunschener Ort mit besonderer Energie.

Wo man weint: Natürlich in der Oper, am Ende von Madama Butterfly, wenn es wirklich dramatisch ist.

Wo man schreit: Ich schreie fast nie! Aber ich würde auf den Darß fahren. Der raue Wind, der Sand, das Meer. Da kann man sich was von der Seele schreien.