DIE ZEIT: Sofia Coppola, auf dem Weg zu diesem Gespräch habe ich den Song Lorena gehört, gesungen von Hermes Nye.

Sofia Coppola: Ich kenne nur die Version von Johnny Cash. (Sie zitiert den Anfang des Songs:) "The years creep slowly by, Lorena ..."

ZEIT: Ihr Film Die Verführten spielt 1864 in einem Mädchenpensionat in den Südstaaten. Einmal singen die Schülerinnen und Lehrerinnen hingebungsvoll gemeinsam Lorena. Warum dieses Lied?

Coppola: Weil es so melancholisch ist. Im amerikanischen Bürgerkrieg wurde es von den Soldaten beider Seiten gesungen. 600.000 Männer sind in diesem Krieg gestorben, und alle haben dasselbe Lied gesungen. Darin liegt für mich eine Mischung aus Absurdität und Schönheit. Der Song erzählt von einer Liebe, die für immer vorbei ist.

ZEIT: Jeder Ihrer Filme hat einen eigenen Sound. In Lost in Translation war es das Geräusch der Klimaanlage in einem Luxushotel in Tokio. In Marie Antoinette waren es die modernen Popsongs in den Fluchten von Versailles. Wie sollte Die Verführten klingen?

Coppola: Den Sound eines Films habe ich schon im Kopf, wenn ich das Drehbuch schreibe. Er ist sehr wichtig, daraus entsteht das Grundgefühl der Geschichte. In Die Verführten sollte es der Sound des amerikanischen Südens sein. Das Summen der Insekten, die Geräusche und das Flattern der Vögel, das Knacken und Knarren der Holzdielen in den Unterrichtszimmern der Mädchen. Man sollte das Gefühl haben, die feuchte, wuchernde Natur zu hören, die das Anwesen umgibt. Und in der Ferne, wie eine Art düsterer Bass, der Kanonendonner des amerikanischen Bürgerkrieges.

ZEIT: In Ihrem Debütfilm The Virgin Suicides werden fünf Schwestern in einem Vorstadthaus von ihren Eltern eingesperrt. Lost in Translation und Somewhere spielen in geschlossenen Hotelwelten. Für Marie Antoinette wird Versailles zur luxuriösen Falle. Und nun dieses Mädchenpensionat in Virginia. Lieben Sie goldene Käfige?

Coppola: Offenbar interessiert mich Isolation. Als Versuchsanordnung. Als eine Situation, in der man von Übergangszuständen erzählen kann.

ZEIT: Was ist das für ein Übergangszustand in Die Verführten?

Coppola: Die fünf Mädchen und ihre beiden Lehrerinnen stecken auf dem Anwesen fest, während die Welt um sie herum zusammenbricht. Die Sklaven sind geflohen, in der Ferne tobt der Krieg. Und dann nehmen sie diesen verletzten Soldaten der Nordstaatenarmee bei sich auf. Er bringt die Gemeinschaft durcheinander. Plötzlich ist da eine männliche Präsenz, eine irgendwie fremde, haarige Körperlichkeit auf diesem Anwesen. Die Mädchen spüren, dass sie Frauen sind. Und die Lehrerinnen spüren, dass ihnen etwas fehlt. Ihre in unzähligen Französisch- und Stickstunden verdrängte Sexualität bricht hervor.

ZEIT: Ihr Film beruht auf einem Buch von Thomas Cullinan, das 1971 schon einmal von Don Siegel verfilmt wurde.

Coppola: Eigentlich hasse ich Remakes. Aber bei dieser Geschichte konnte ich nicht anders, als sie noch einmal auf meine Weise zu erzählen, aus einer weiblichen Perspektive.

ZEIT: Was genau heißt das?

Coppola: In dem Film aus den siebziger Jahren werden die Frauen zu sexualisierten Furien, der Mann steht im Mittelpunkt. Mich hingegen interessieren die komplexen Beziehungen der Frauen untereinander. Und das Bild, nach dem weibliche Wesen in dieser Zeit geformt wurden.

ZEIT: Was ist das für ein Bild?

Coppola: Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und die anderen Mädchen sollten nicht einfach nur ein Korsett tragen oder lernen, wie man den Rock auf eine bestimmte Weise hebt, wenn man eine Treppe hinuntergeht. Sie sollten diese Südstaatenfrauen von innen bewohnen, ihren Habitus übernehmen. Diese Frauen wurden dazu erzogen, eine Lady zu sein, attraktiv und adrett zu sein, freundlich und bescheiden aufzutreten. Alles läuft darauf hinaus, dass sie von Männern geheiratet werden, die sich um sie kümmern. Aber nun herrscht Krieg, und die Zeit der Sklavenhalter und ihrer festlichen Bälle ist vorbei. Die Frauen sind auf sich allein gestellt. Sie musizieren zwar noch, lernen noch Französisch und Sticken, doch der Boden unter ihren Füßen ist weg.

ZEIT: In dem Film von 1971 wird der Nordstaatensoldat von Clint Eastwood dargestellt, seine Männlichkeit erfüllt das Anwesen vom Keller bis zur Decke. Colin Farrell wirkt in Ihrem Film weicher ...

Ich habe diese Männerfigur auch für meine schwulen Freunde geschaffen.
Sofia Coppola

Coppola: Clint Eastwoods Figur war ein Fiesling mit einer sehr markanten Heterosexualität. Ich wollte eine ambivalentere Männerfigur, die das Publikum durch den Blick der Frauenfiguren entdeckt. Ich wollte, dass der Mann ein Objekt der Begierde ist. Ich habe diese Männerfigur auch für meine schwulen Freunde geschaffen. Sie sollten diesen Soldaten sexy finden.

ZEIT: Und, finden sie ihn sexy?

Coppola: Es gibt da diese Szene, in der Nicole Kidman den bewusstlosen Soldaten mit einem Schwamm wäscht und seine Hände betrachtet. Diese Szene fanden alle heiß.

ZEIT: Es ist Ihre erste Zusammenarbeit mit Nicole Kidman. Kirsten Dunst haben Sie schon 1999 in The Virgin Suicides besetzt und Elle Fanning als Zwölfjährige in Somewhere. Sie interessieren sich vor und hinter der Kamera für Frauengemeinschaften, oder?

Coppola: Für ihre Dynamik, ja. In Die Verführten sollte es von Anfang an eine Gemeinschaft sein, die von Nicole Kidman angeführt wird. Mir war schon beim Drehbuchschreiben klar, dass sie die Rolle der Pensionatsleiterin spielen sollte. Sie hat eine natürliche schauspielerische Autorität, die sich, sobald die Kamera lief, auf die anderen übertragen hat. Auch auf Kirsten Dunst und Elle Fanning, die beide im Leben eher sprudelnde Wesen sind. Unter Nicole Kidmans Blick schienen sie bei den Dinnerszenen auf dem Anwesen gleich ein bisschen gerader zu sitzen.

ZEIT: Könnte man sagen, dass Sie diese Südstaatenfrauen mit einem fast ethnologischen Blick betrachten?

Coppola: So wie man einen fremden Stamm untersucht? Ja, vielleicht. Es gibt aber auch etwas Universelles dabei: Ich wollte zeigen, wie Frauen nonverbal kommunizieren. Wie aus Blicken, Gesten, kleinen Veränderungen der Mimik eine Sprache entsteht. Eine Sprache unterhalb der Oberfläche, die etwas spezifisch Weibliches hat. Männer drücken sich verbaler aus und treten anders auf. Bis heute. Es ist eine kulturelle Prägung, eine Frage der Erziehung oder des Vorbildes. Das ist jedenfalls auch meine Erfahrung. Ich bin mit einem ziemlich lauten Vater aufgewachsen und mit einer Mutter, die eher zum Understatement neigt.