Da soll noch einmal einer sagen, wir hätten keine Wahl. Wenn es ums Geld geht, haben die beiden Volksparteien sehr klare Vorstellungen, was zu tun ist: Die Union will die Steuern für alle senken, die SPD will, dass die Reichen mehr bezahlen und die Mittelschicht weniger. Der Streit um die Steuern verhandelt damit eine entscheidende Gerechtigkeitsfrage unserer Zeit: Wer bezahlt, wenn der Staat Straßen baut, Schulen betreibt oder Polizisten einstellt?

In den Vereinigten Staaten wird diese Frage gerade ziemlich eindeutig beantwortet: Donald Trump streicht den Bedürftigen die Krankenversicherung zusammen, um damit die Steuern für die Reichen zu senken, die dann die Kampagne für seine Wiederwahl finanzieren. Das ist auch eine Art politisches Gleichgewicht, wenn auch aus europäischer Perspektive kein erstrebenswertes.

Nun ist Deutschland von amerikanischen Verhältnissen weit entfernt. Die Ungleichheit ist bei Weitem nicht so groß, auch weil hierzulande der Grundsatz gilt, dass Spitzenverdiener einen größeren Anteil ihres Einkommens an den Staat abgeben sollen als Normalverdiener. Das ist aber nur noch eingeschränkt der Fall – und das hat auch mit Angela Merkel zu tun. Die Kanzlerin war bei der Suche nach neuen Geldquellen in den vergangenen Jahren immer sehr kreativ: Sie hat die Mehrwertsteuer erhöht, eine Stromsteuer eingeführt und sich an den Sozialbeiträgen bedient. Das belastet Normalverdiener besonders stark, weil sie relativ zu ihrem Einkommen mehr für Einkäufe, Elektrizität oder ihre Krankenversicherung ausgeben als Spitzenverdiener.

Will man diese Unwucht beseitigen, müsste man mit Steuersenkungen vor allem die Normalverdiener entlasten. Doch genau das tun sie in aller Regel nicht, weil Steuervorteile für Normalverdiener immer auch bei den Spitzenverdienern anfallen. Das hat mit der Art zu tun, wie in Deutschland und anderen Industrienationen Steuern erhoben werden: Alle Einkommen werden gleich behandelt, weshalb sich eine gezielte Entlastung von Normalverdienern nicht über die Steuer erreichen lässt. Wenn der Staat beispielsweise die Steuern auf Einkommen von 30.000 Euro um 5.000 Euro senkt, dann bekommt dieses Geld auch gutgeschrieben, wer mehr verdient, weil er bis zur Grenze von 30.000 Euro eben auch entlastet wird.

Das bedeutet: Wer Normalverdienern etwas Gutes tun will, der darf nicht nur Steuern senken, sondern muss die Sätze für die Spitzenverdiener erhöhen. Sonst kommt nur ein Teil von dem Geld, auf das der Staat mit der Steuerreform verzichtet, bei der eigentlichen Zielgruppe an. Die SPD hat aus diesen Zusammenhängen ihre Konsequenz gezogen: Sie fordert eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Es ist die zentrale politische Innovation des Steuerkonzepts, das die Partei am vergangenen Wochenende vorgestellt hat.

Dabei gehen die Sozialdemokraten recht behutsam vor. Unterm Strich müssen nach ihrem Plan nur die oberen zwei bis drei Prozent der Einkommensbezieher tatsächlich mehr Steuern bezahlen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – wenn das Prinzip, die Reichen stärker in die Verantwortung zu nehmen, erst einmal etabliert ist, sind der politischen Fantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Warum nicht die Steuersätze noch weiter erhöhen oder zum Beispiel Kapitaleinkünfte höher besteuern?

Weil die Union solche Maßnahmen ihren Kernwählern nur schwer vermitteln kann, sträubt sich die Partei dagegen, den Spitzensteuersatz anzuheben. Wolfgang Schäuble hat zwar auch schon einmal mit einer Anhebung sympathisiert. Doch der wirtschaftsliberale Flügel in der Partei ist strikt dagegen. Er würde die Steuersätze sogar am liebsten noch weiter senken – was in der Praxis auf großzügige Geldgeschenke für die Spitzenverdiener hinauslaufen würde.

Im Moment könnte sich das Land das vielleicht sogar leisten. Wegen der guten Konjunktur nimmt der Staat mehr Geld ein, als er ausgeben kann, und auch die Schuldenquote sinkt rasant. Da stört es nicht weiter, wenn ein paar Milliarden an die gehen, die ohnehin schon genug haben. Doch auch der längste Aufschwung ist irgendwann zu Ende. Und spätestens dann wird die Union die Frage beantworten müssen, wer dafür aufkommen soll, dass das Land so lebenswert bleibt, wie es in den Wahlkampfbroschüren der CDU beschrieben wird. Es sind in Deutschland schon politische Auseinandersetzungen über unwichtigere Dinge geführt worden.