Viel Applaus bekam FDP-Chef Christian Lindner kürzlich in einer Talk-Runde bei Anne Will. Dort hatte er gefordert, die Stromsteuer in Deutschland abzuschaffen. Und zwar mit dem Argument, Rentner und Bafög-Empfänger entlasten zu wollen.

Dass die FDP Steuersenkungen fordert, ist nicht ungewöhnlich. Was an dem Abend manche überrascht hat, ist jedoch, wen sie damit unterstützen möchte. "Die FDP entdeckt ihre soziale Ader", kommentierte zum Beispiel der Kölner Stadt-Anzeiger.

Seinen Vorschlag hat Lindner später wiederholt. Im ZEIT-Interview vergangene Woche sagte er, die FDP wolle die Entlastung nicht auf wenige konzentrieren. "Wir schaffen die Stromsteuer ab. Die zahlt auch der Bafög-Empfänger."

Was ist an Christian Lindners Behauptung dran? Wer würde in Deutschland davon profitieren, wenn man hierzulande die Stromsteuer abschaffte? Stimmt es, dass mit einer solchen Reform Menschen, die weniger Geld zur Verfügung haben, entlastet würden?

Zunächst klingt die Idee einleuchtend: Seit 2000 haben sich die Strompreise hierzulande mehr als verdoppelt. Deutschland hat damit die zweithöchsten Preise in Europa. Tatsächlich belasten Stromkosten Ärmere auch im Vergleich zu ihrem Einkommen stärker als Besserverdiener. Je weniger Geld man hat, desto höher ist der Anteil, den man davon für Strom ausgibt. Umgekehrt bedeutet das auch: Wird der Strom günstiger, profitieren die Ärmeren stärker im Verhältnis zu ihrem Einkommen als Wohlhabendere.

Viel ändern würde Christian Lindners Vorschlag für die meisten Menschen trotzdem nicht. Zwar sind es vor allem Steuern und Umlagen, die den Strompreis steigen ließen. Doch die Stromsteuer, über die Christian Lindner spricht, macht nur einen sehr kleinen Teil der Stromkosten aus.

Eine Kilowattstunde Strom kostet im Schnitt knapp 30 Cent, für die Stromsteuer zahlt man dabei gerade zwei Cent. Rechnet man das auf den Jahresverbrauch um, so würde ein Haushalt mit zwei Personen im Schnitt nur rund 71 Euro pro Jahr an Kosten sparen. Plus die Mehrwertsteuer, die noch auf die Stromsteuer aufgerechnet wird, sind das gut 83 Euro. Macht also gerade mal rund drei Euro pro Person im Monat, die man zusätzlich zur Verfügung hätte.

Natürlich gibt es Menschen, die jeden zusätzlichen Euro im Monat gut gebrauchen können. Stark entlasten würde es ihr Budget aber nicht. Vor allem da sie meist weniger Strom verbrauchen. "Reichere Haushalte geben im Schnitt zwar einen geringeren Anteil ihres Einkommens, aber in der Summe mehr für Strom aus", sagt Nikolas Wölfing, der sich am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mit Energiemärkten beschäftigt. "Von der Abschaffung der Stromsteuer würden Reichere mehr profitieren."

Freuen könnten sich über die Reform vor allem aber die Unternehmen. Denn während private Haushalte gerade mal ein Viertel des Stroms verbrauchen, konsumieren Industrie, Handel und Gewerbe rund 60 Prozent. Der Rest geht an öffentliche Einrichtungen, Verkehr und Landwirtschaft. Zwar können Unternehmen schon jetzt von der Stromsteuer ausgenommen werden. Allerdings gilt das bislang nur für solche, die sehr viel Strom verbrauchen. "Man kann davon ausgehen, dass die Abschaffung Unternehmen stärker zugutekäme als privaten Haushalten", so Wölfing.

Falsch war Christian Lindners Behauptung also nicht. Eine Abschaffung der Stromsteuer entlastet auch Rentner und Bafög-Empfänger. Mehr als sie würden allerdings Besserverdiener und Unternehmer profitieren. Klassische FDP-Wähler also.