Der Auftritt vor vier Jahren war typisch für Las Vegas, die Spielerstadt in der Wüste Nevadas, in der Anstandsregeln außer Kraft gesetzt sind. Der Mann im Rampenlicht, in einem pinkfarbenem T-Shirt und mit einer Baseballkappe auf dem Kopf, machte einen auf ganz dicke Hose. Mit derben und nicht jugendfreiem Vokabular zog er über die Konkurrenz her, beschimpfte sie und erntete dafür massenhaft Lacher.

Auf der Bühne stand kein Comedian, sondern John Legere. Der war damals gerade neuer Chef von T-Mobile US geworden, einer Tochterfirma der Deutschen Telekom. In Las Vegas forderte er, endlich die Datenlimits für Videoübertragungen aufs Smartphone aufzuheben, weil diese den mobilen Porno-Konsum behinderten. Das gefiel den Zuhörern.

Für die Telekom, der 65 Prozent an T-Mobile US gehören, brachte der spektakuläre Auftritt die Wende. Nachdem dem Mobilfunkanbieter in den Vereinigten Staaten zuvor die Kunden scharenweise davongelaufen waren, gewann er unter der Führung des Branchen-Rumpelstilzchens Legere im Quartalstakt neue. Heute ist die Telekom-Tochter der am schnellsten wachsende Anbieter in den Vereinigten Staaten, der die etablierten Konkurrenten AT&T und Verizon vor sich her treibt. In der vergangenen Woche kamen sogar Gerüchte auf, wonach T-Mobile mit dem Konkurrenten Sprint über eine Fusion spreche. Medienberichten zufolge interessieren sich aber auch andere für die Nummer vier im Markt, sodass es zu einem Bieterwettkampf kommen könnte. Die Telekom äußerte sich auf Anfrage nicht zu der jüngsten Entwicklung.

Dass sie gegenwärtig in den USA gut dasteht, ist zum Großteil Legere zu verdanken. Aber auch ein zweiter Mann hat – ohne es zu beabsichtigen – dazu beigetragen: der inzwischen verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs. Vor zehn Jahren brachte er in den USA das erste iPhone auf den Markt. Das Smartphone veränderte die Spielregeln der Telekommunikationsbranche und schuf damit erst die Grundlage dafür, dass sich die Zukunftsaussichten der mobilen Netzbetreiber insgesamt verbesserten. Und dann setzte er durch seine Entscheidung zur Vermarktungsstrategie des iPhones eine Kausalkette in Gang, die sich für die Telekom rückblickend als echter Glücksfall herausstellen sollte. Obwohl es zunächst nicht so aussah.

Es wirkte eher wie eine Katastrophe. Weil in den Vereinigten Staaten Mobiltelefone fast ausschließlich in den Läden der Netzanbieter gekauft werden, brauchte Jobs einen möglichst großen Partner. Den fand er 2007 – in AT&T. Das Unternehmen durfte die iPhones in den ersten Jahren exklusiv vertreiben, während die Konkurrenten Verizon, Sprint und T-Mobile leer ausgingen. Über Nacht wurde das iPhone zum begehrtesten Gerät der Technikgeschichte. Käufer campierten schon Tage vor dem Verkaufsstart vor den Läden. Schlechter hätte es für T-Mobile kaum laufen können: Das Netz war ohnehin lückenhaft und bestenfalls von mittelmäßiger Qualität, und dann konnte das Unternehmen seinen Kunden lange nicht einmal das hoch begehrte Spitzengerät anbieten.

Knapp vier Jahre später wollte die Telekom ihre Sorgentochter sogar an AT&T verkaufen – für 25 Milliarden Dollar und weitere 14 Milliarden Dollar in Aktien. Sie wollte raus aus dem US-Geschäft und mit dem Geld wenigstens zum Teil jene Schulden tilgen, die ihr durch den Einstieg in den Vereinigten Staaten überhaupt erst entstanden waren.

Doch die Übernahme scheiterte am Veto der amerikanischen Wettbewerbsbehörden. Aus heutiger Sicht war das aber keineswegs schlecht. Denn AT&T musste – wie vorab im Vertrag geregelt – für die geplatzte Fusion eine Strafe im Wert von vier Milliarden Dollar an die Telekom zahlen. Dazu gehörte auch die Überlassung von Frequenzlizenzen an T-Mobile. Es war die bisher höchste Zahlung, die ein Unternehmen für eine gescheiterte Übernahme zahlen musste.