Wissen Schulkinder so gut über Thalerhof Bescheid wie über Auschwitz? Diese Frage stellte die traditionsreiche russische Wochenzeitung Literaturnaja Gaseta Anfang Juni ihren Lesern. Thalerhof, ein Gefangenenlager während des Ersten Weltkriegs am Rande des heutigen Grazer Flughafens, stößt in Russland derzeit auf erstaunliches Interesse. Auch im Online-Medium Zargrad, das vom Rechtsaußen-Oligarchen Konstantin Malofejew kontrolliert wird, stand unlängst zu lesen, die angebliche Verfolgung russisch-orthodoxer Gläubiger in der Ukraine falle auf "mystische Weise" mit dem hundertsten Jahrestag der Schließung dieses "ersten Konzentrationslagers Europas" zusammen.

Der Verweis auf Thalerhof gehört zum Standardrepertoire kremltreuer Medien im Konflikt mit der Ukraine. Russische Politiker sprechen von Genozid, hunderttausend Russen seien in den ersten europäischen Konzentrationslagern im Ersten Weltkrieg gestorben. Doch mit der historischen Realität haben diese Aussagen nur bedingt zu tun.

Thalerhof war ein brutales, rechtsfreies Lager – eine Art Guantánamo der Habsburger, eingerichtet für die eigenen Untertanen. Zwischen September 1914 und Mai 1917 starben hier knapp 2.000 Menschen. Die hygienischen Bedingungen führten zu tödlichen Epidemien. Von Völkermord oder einem Konzentrationslager im Sinn der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kann aber keine Rede sein.

Bereits im Juli 1914 hatte Wien angeordnet, dass "alle Spionageverdächtigen, russische Agitatoren sowie sonstige staatsgefährdende Individuen" im Osten der Monarchie unverzüglich festzunehmen seien. Ganze Bevölkerungsgruppen verdächtigte man, Sympathien für Russland zu hegen. Sie wurden unter Generalverdacht gestellt und verhaftet.

Zuerst internierte die Armee Gefangene in der "Kleinen Festung" im böhmischen Theresienstadt, die später auch die Nazis als Gefängnis neben dem Konzentrationslager nutzten. Doch schon kurz nach der Kriegserklärung an Russland wurde in Depeschen nach Wien von logistischen Problemen berichtet. Die Festung war rasch überfüllt, die gegnerischen Truppen rückten näher. Das k. u. k. Kriegsministerium bot Thalerhof als Internierungsort an. Bald erreichten die ersten Internierten, zusammengepfercht in Zugwaggons, die Steiermark. Hunderte "Russophilie"-Verdächtige, darunter ganze Familien, hausten erst unter freiem Himmel, bis rund dreißig Holzbaracken errichtet werden konnten.

In knapp drei Jahren durchliefen mehr als zehntausend Untertanen des Kaisers das Lager. Über ihre Verweildauer entschied eine eigens installierte Kommission. Den Behörden – de facto herrschte eine Kriegsdiktatur des Militärs – war bewusst, dass eine längere Internierung der eigenen Staatsbürger illegal sei. "Ich muss ohne weiters zugeben, dass der angeordnete Vorgang nicht ganz mit dem gesetzlichen Zustande im Einklange steht", schrieb Innenminister Karl Freiherr Heinold von Udyński an Wiener Spitzenbürokraten. Doch die Gefangenen hatten keine Möglichkeit, juristisch gegen ihre Haft vorzugehen.

Nachdem das Lager am 3. Mai 1917 aufgelöst und die letzten 2.153 Insassen entlassen wurden, begann die öffentliche Abrechnung. In einer der ersten Sitzungen des neu einberufenen Reichsrats sprach der tschechische Abgeordnete Jiří Stříbrný von einer "für Slawen errichteten Hölle" und beschrieb detailliert Misshandlungen durch Aufseher. "Im Vergleich mit dieser tierischen Bestialität im 20. Jahrhundert erscheint uns, meine Herren, das wahnsinnige Toben des Kaisers Nero wie die reinste Humanität", donnerte Stříbrný vom Rednerpult.

In Österreich war Thalerhof bald vergessen. Doch in Osteuropa gründeten ehemalige Inhaftierte Vereine, um das Unrecht zu dokumentieren, und errichteten Denkmäler im Südosten Polens und in der Westukraine. Als die Sowjets 1939 das vormals polnische Ostgalizien übernahmen, wurden die Vereine allerdings aufgelöst.

Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts setzte eine neue Erinnerungswelle ein. Nach der Orangen Revolution 2005 verkündete der damalige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko einen Westkurs seines Landes. Kremlnahe Kreise wie das Institut der GUS-Länder, geleitet vom russischen Parlamentsabgeordneten Konstantin Satulin, machten sich hingegen fieberhaft auf die Suche nach historischen Themen, welche die bösartigen Facetten des Westens aufzeigen sollten. Was sie fanden, war Thalerhof.

Nach den Maidan-Protesten und dem Machtwechsel in Kiew 2014 wurde das Grazer Interniertenlager gar zum Gegenstand von Propagandafilmen im russischen Staatsfernsehen. "Zur Zeit des Ersten Weltkriegs wurden auf dem Gebiet Österreich-Ungarns Dutzende Konzentrationslager zur Vernichtung von Russen errichtet, wobei Thalerhof und Theresienstadt die schlimmsten waren", hieß es in einer Dokumentation im April 2014. In dem Film kritisierte auch der frühere FPÖ/BZÖ-Politiker und EU-Mandatar Ewald Stadler eine von der Nato geplante Umzingelung Russlands.

Spätestens seit damals rufen russische Propagandisten bei Ukraine-Diskussionen das Lager gern in Erinnerung. Auch patriotische Lyriker sind davon angetan. Vom Schreien leidender Lagerinsassen, das vom Motorenlärm startender Passagierflugzeuge am Grazer Flughafen überdeckt werde, schrieb im Jänner 2017 ein gewisser Leonid Kornilow in dem Poem Thalerhof und dichtete weiter: "Diese Schuld wird nie verjähren, die Jagd geht weiter, in der Ukraine nach ihren russischen Wurzeln."