DIE ZEIT: Herr Galain, im Juli wird Uruguay ein weltweit einzigartiges Experiment beginnen: Kiffer sollen Cannabis in der Apotheke kaufen können. Davor hatte die linke Regierung schon den Anbau von Cannabis zu Hause oder in privaten Vereinen erlaubt. Wie zugekifft ist Uruguay?

Pablo Galain: Nicht mehr oder weniger als andere Länder auch. Ich habe lange in Freiburg gelebt, auch in Deutschland ist der Konsum hoch, trotz der Verbotspolitik. Rund ein Viertel der Deutschen geben an, mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben. 2015 waren es in Uruguay 23,3 Prozent der Menschen.

ZEIT: Aber in Montevideo sieht man Menschen offen auf der Straße ihren Joint rauchen.

Galain: Der Drogenkonsum wird hierzulande seit mehr als 40 Jahren toleriert. Es ist also nicht so ein Tabu. Man kifft beim Fußballspiel zum Bier oder auf der Terrasse eines Straßencafés. Wahrscheinlich outet man sich auch eher in einer Umfrage als Kiffer: Neun Prozent der Uruguayer haben demnach im vergangenen Jahr Cannabis geraucht und sechs Prozent in den vergangenen vier Wochen. Die große Mehrheit raucht also nicht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung spricht sich bis heute sogar gegen das Gesetz zur Legalisierung von Cannabis aus.

ZEIT: Wieso hat die Regierung die Legalisierung dennoch auf den Weg gebracht?

Galain: Sie sprechen den Punkt an, der Uruguay besonders macht. Während in manchen US-Bundesstaaten Marihuana per Graswurzelbewegung und schließlich durch Volksentscheid freigegeben wurde, ist es in Uruguay tatsächlich eine Top-down-Entscheidung gewesen. Der frühere Präsident José Mujica ...

ZEIT: ... eine Ikone der Linken in Lateinamerika ...

Galain: ... richtig, Mujica also rief die Legalisierung als eine von insgesamt 15 Reformen für die öffentliche Gesundheit aus. Gleichzeitig wollte Mujica den Schwarzmarkt zerstören und damit die Drogenkriminalität schwächen. Uruguay will den Konsum beschränken, regulieren und den Markt selbst beliefern, um die Qualität des Produkts zu kontrollieren.

ZEIT: Sie sprechen den letzten Schritt der Legalisierung an, der im Juli starten soll und der wahrhaft revolutionär ist: Vom Staat angebautes Cannabis soll von da an in Apotheken verkauft werden. Spätestens dann wird ein Drogenkonsum doch hochoffiziell gefördert.

Global Drug Survey 2018
ZEIT ONLINE ruft auf zur größten Drogenumfrage.

Galain: Tatsächlich wird Uruguay damit zum weltweit einzigen Land, das sich nicht nur gegen die sonstige weltweite Prohibitionspolitik entscheidet, sondern darüber hinaus auch noch selbst zum Produzenten wird. Allerdings wird das Kiffen nicht gefördert, sondern nur unter strengen Bedingungen erlaubt: Jeder Nutzer muss sich beim Staat mit Fingerabdruck registrieren. Man kann sich nur für einen der drei Wege – Eigenanbau, Club oder Apotheke – anmelden. Dafür muss man älter als 18 sein und eine Aufenthaltsgenehmigung für Uruguay besitzen. Der Kauf ist auf 10 Gramm pro Woche und maximal 40 Gramm im Monat beschränkt. Überschreitet man die Höchstmenge, wird man gesperrt. Es wird also alles überwacht. 42.00 von drei Millionen Uruguayern haben sich im Mai und Juni für einen Verkauf in den Apotheken registriert.

ZEIT: 10 Gramm ist viel.

Galain: Ja, es sind rund 10 Joints pro Woche. In Uruguay wird Cannabis pur geraucht und kein Tabak zugemischt. Aber wenn man den Schwarzmarkt überflüssig machen will, muss man so viel anbieten, wie regelmäßige Konsumenten benötigen.

ZEIT: Der Staat hat sogar Studien zu den beliebtesten Cannabisblüten durchgeführt, damit sein Produkt auch Abnehmer findet.

Galain: Der uruguayische Staat hat zwei private Firmen mit dem Anbau der Cannabispflanzen beauftragt. Dieser Anbau findet auf dem Gelände eines Hochsicherheitsgefängnisses statt und wird streng überwacht. Bis zu vier Tonnen im Jahr sind erst mal für die Produktion eingeplant. Der richtige Gedanke dahinter ist, dass man auch kontrollieren muss, was die Menschen rauchen. Das ist in den Coffeeshops in den Niederlanden nicht der Fall, da kommt das Gras weiterhin vom Schwarzmarkt. In Uruguay hingegen können wir jetzt schon sehen, also vor dem Start des staatlichen Verkaufs, dass sich in den vergangenen drei Jahren die Qualität des Cannabis auf dem Schwarzmarkt gesteigert hat. Dort gibt es nun nur noch die reinen Cannabisblüten und nicht mehr gepresstes Cannabis aus Paraguay, das oftmals gestreckt und mit Pestiziden belastet war.

ZEIT: Welche Erklärung haben Sie dafür?

Galain: Vielleicht hat der Schwarzmarkt seine Ware verbessert – oder aber aus dem seit 2013 legalen Anbau von Cannabispflanzen wird illegalerweise weiterverkauft. Aus gesundheitspolitischer Sicht sind beide Fälle eine Win-win-Situation: Die Legalisierung bewirkt, dass die Qualität des Produkts steigt, auch wenn es weiter illegal vertrieben wird. Uruguay ist insofern möglicherweise auf einem breiteren Weg der Vermeidung gesundheitlicher Schäden.

ZEIT: Warum ist dann die Abgabe in den Apotheken überhaupt nötig?

Galain: Es soll auch einen Weg für diejenigen geben, die nicht selbst anbauen. So kommen sie auch nicht in die Gefahr, auf dem Schwarzmarkt in Kontakt mit härteren Drogen und mit kriminellen Milieus zu geraten. Wobei sich die Konsumenten – oft Leute aus der Mittel- und Oberschicht – meist schon heute von einem Bekannten beliefern lassen, der den Schwarzmarkt kennt und Risiken einschätzen kann. Aber gut: Wenn dem Schwarzmarkt und Südamerikas Drogenmafia eine Einnahmequelle wegbricht, kommt das allen zugute.

ZEIT: Ist die Apotheke der richtige Verkaufsort?

Galain: Ich glaube nicht. Denn, das ist eine der großen Paradoxien, bis heute wird noch kein medizinisches Cannabis in Uruguay verkauft. Das heißt, die Menschen werden verwirrt. Einige glauben, das Cannabis, das dort verkauft wird, könne helfen, ihre Krankheiten zu heilen. Man geht davon aus, dass auch ältere Menschen sich registrieren, weil sie das medizinische Cannabis wollen. Weil Apotheken eben mit Medikamenten in Verbindung gebracht werden.