ZEIT: Was sollten die Europäer konkret anfassen, damit sie sich auf sich selbst verlassen können?

Merkel: Wir haben eine Reihe von Aufgaben, an denen wir arbeiten müssen: den Schutz unserer Außengrenzen, ein europäisches Ein- und Ausreiseregister, einen eigenen Nachrichtendienst, um nur wenige Beispiele zu nennen. Wir müssen aber auch bei der Energiepolitik oder beim Klimaschutz zulegen.

ZEIT: Meinen Sie damit auch ein gemeinsames Budget für die Länder der Euro-Zone oder einen europäischen Finanzminister, wie es sich der französische Präsident Emmanuel Macron wünscht?

Merkel: Ja, ich meine auch Maßnahmen zur Stärkung unserer gemeinsamen Währung und die notwendige Weiterentwicklung der Euro-Zone sowie des Binnenmarkts, gerade des digitalen. Brauchen wir so etwas wie eine Wirtschaftsregierung? Ich bin durchaus dafür. Einen europäischen Finanzminister? Auch dazu grundsätzlich ja, denn das sind zwei wichtige Gedanken. Aber zu beiden Gedanken sind dann auch die praktischen Fragen zu beantworten, also wie die Konstruktion sein soll, ob das ein hauptamtlicher Euro-Gruppen-Vorsitzender wäre und vieles mehr. Es gibt da sehr unterschiedliche Vorstellungen in Europa. Wenn es eine gemeinsame Rechtsgrundlage gibt, kann auch ich mir sehr vieles vorstellen. Über all diese Fragen werden Emmanuel Macron und ich sprechen und im größeren Rahmen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Europäischen Union beraten. Dabei müssen wir uns immer daran erinnern, worum es geht, wenn wir sagen, dass Europa sein Schicksal selbst in die Hand nehmen soll, nämlich darum, dass wir unsere europäischen Werte und Interessen behaupten und in unseren Mitgliedsländern Wohlstand und neue Arbeitsplätze schaffen.

ZEIT: Hätten Sie sich vor einem Jahr vorstellen können, dass es in Hamburg zu einem Treffen kommen könnte mit Putin, einem Präsidenten Trump und dem Erdoğan, wie wir ihn jetzt nach dem Putsch erleben?

Merkel: Egal, was ich mir vor einem Jahr hätte vorstellen können – wir müssen die Konstellationen nehmen, wie sie sind. Ich habe die Aufgabe, als G20-Präsidentin Einigungsmöglichkeiten zu erarbeiten und nicht dazu beizutragen, dass Gesprächslosigkeit herrscht. Gleichzeitig dürfen die Differenzen nicht unter den Tisch gekehrt werden. Das alles ist die Aufgabe, die es zu lösen gilt.

ZEIT: G20 ist aber nicht nur ein Weltereignis, es findet auch auf einer Bühne statt, die uns bei der ZEIT sehr nahe ist, nämlich in Hamburg. Fürchten Sie wie viele Hamburger gewalttätige Demonstrationen?

Merkel: Ich bin überzeugt: Deutschland muss für ein so wichtiges globales Forum Gastgeber sein können. Schließlich verbinden sich damit auch Chancen, Themen zu setzen, Projekte voranzutreiben, Globalisierung zu gestalten. Immer nur theoretisieren, das geht nicht. Außerdem muss ein G20-Gipfel mit seinen zahlreichen Delegationen und den Tausenden von Journalisten wegen der Hotelkapazitäten und der benötigten Infrastruktur in einem Ballungsgebiet stattfinden. Das ist, anders als G7, auf dem Land nicht so gut zu machen. Und was London, St. Petersburg, Toronto, Seoul oder Brisbane konnten, sollte in Hamburg auch möglich sein.

ZEIT: Und warum gerade Hamburg?

Merkel: Es gibt nicht viele Städte in Deutschland, die dafür infrage kommen. Ich finde es sehr respektabel, dass Olaf Scholz, der mit Hamburg eine Weltmetropole repräsentiert, sich dazu bekennt, dass wir in der Lage sein müssen, solche Veranstaltungen zu organisieren.

ZEIT: Das werden die Hamburger jetzt sehr gern hören, dass sie eine Weltmetropole sind!

Merkel: Hamburg hat einen der weltweit wichtigsten Häfen, es ist ein Riesenumschlagplatz für Produkte aus aller Welt, und es ist schließlich aus langer Tradition eine weltoffene Stadt und möchte das auch bleiben. Hamburg gehört zu den Städten, die sich ambitionierte Projekte zugetraut haben: die HafenCity, die Elbphilharmonie, alles, worauf man stolz sein kann und was Identität schafft.

ZEIT: Verstehen Sie denn trotzdem die Ängste, die es vor G20 in der Stadt eben auch gibt?

Merkel: Ich weiß natürlich, dass G20 den Hamburgern etwas zumutet, weil das Ereignis – von kreisenden Hubschraubern bis zu Sperrungen und sonstigen Einschränkungen – alltägliche Abläufe in Teilen der Stadt beeinträchtigen wird. Ich kann deshalb nur um Verständnis bitten.

ZEIT: Und die Gewalt?

Merkel: Es gibt keine Rechtfertigung für gewalttätigen Protest, und ich bin sicher, dass die Polizei alles tun wird, um das auch zu unterbinden. Vor den friedlichen Demonstranten habe ich Respekt, sie nehmen ihr demokratisches Grundrecht wahr. Wer gewalttätig wird, der verhöhnt die Demokratie.

ZEIT: 200 Berliner Polizisten mussten schon mal heimgeschickt werden, weil sie sich danebenbenommen haben.

Merkel: Das war natürlich gar nicht gut.

ZEIT: Wir werden zeitgleich mit Ihrem Interview auch ein Gespräch mit Recep Tayyip Erdoğan veröffentlichen. Gibt es eine Botschaft an ihn, die Ihnen am Herzen liegt?

Merkel: Mir liegt unser gutes Zusammenleben mit türkischstämmigen Menschen hier in Deutschland sehr am Herzen. Für Millionen von ihnen ist Deutschland ein Zuhause, und sie sollen hier Chancen haben wie alle anderen auch. Ebenso wünsche ich mir vernünftige Beziehungen zur Türkei, auch wenn ich weiß, dass die Probleme sich derzeit auftürmen und wir vieles ganz anders sehen als Präsident Erdoğan und seine Regierung. Ich bin bereit, immer wieder aufeinander zuzugehen. Als deutsche Bundeskanzlerin werde ich deswegen aber nicht darauf verzichten, die Freilassung von Deniz Yücel und anderen Journalisten zu fordern, im Gegenteil.

ZEIT: Hat es Sie in den vergangenen Wochen belastet, dass Sie nolens volens beigetragen haben zu der Verbitterung Helmut Kohls in seinen letzten Lebensjahren?

Merkel: Ich achte und ehre Helmut Kohl für seine überragend große Lebensleistung. Er hat auch mir persönlich viele Chancen gegeben. Alles andere tritt dahinter zurück, so wie ich es am Samstag bei dem überaus bewegenden und beeindruckenden europäischen Trauerakt in Straßburg gesagt habe.