Warum nicht einmal bei wunderbar tief hängenden Wolken und fast schwarzem Himmel nach Potsdam fahren? Macht man ja eigentlich nie. Aber in Potsdam werden sich die dunklen Wolken sicher verzogen haben, in Potsdam ist doch an 365 Tagen im Jahr blauer Himmel. Oder vielleicht sogar an 366 oder 367? In keiner anderen Stadt sind die Leute bekanntlich so glücklich wie hier. Potsdam ist wie Dresden ohne Pegida. Dafür mit Kai Diekmann, Wolfgang Joop, Günther Jauch.

Menschenmassen fallen aus dem Zug auf den Bahnsteig, Menschenmassen wälzen sich die schmale Treppe nach oben. Der Potsdamer Hauptbahnhof ist eigentlich nicht mehr als ein Querbahnsteig und ein Längsbahnsteig mit Geschäften. Hunderten von Geschäften, Tausenden von Geschäften, unfassbar vielen Geschäften. McDonald’s, Crobag, kein asiahung. Dafür gibt es die Fleischerei Bendig, die sich "Die Besserschmecker" nennt. Passt hierher.

Einen Vorplatz hat dieser Bahnhof nicht, einen Hinterplatz auch nicht, und wer einmal drum herum laufen möchte, landet vor dem Erotic Cinema LSD wie in einer Sackgasse. Einst wurde heftig über die Sanierung des Hauptbahnhofes gestritten; unter anderem wegen der hässlichen gelben Klinkerverzierung hatte die Unesco sogar gedroht, die Stadt auf die sogenannte Rote Liste des Weltkulturerbes zu setzen. Danach hat man sich irgendwie geeinigt, obwohl man das dem Bahnhof leider nicht ansieht. Heuer streitet man über den Aufbau der Garnisonkirche. Die Menschenmassen ficht das nicht an, sie strömen weiter nach Potsdam.

So kann man sich eine Tüte Kirschen aus Werder kaufen, sich auf eine Bank setzen und zusehen, wie die Welt vorbeizieht. Amerikaner, Franzosen, Spanier, Israelis, Japaner sowieso. Dazwischen Potsdamer und Berliner. Von anderen Bahnhöfen bricht man auf in die Welt, hier kann man bleiben und dennoch eine Weltreise machen. Gegenüber vom Bahnhof liegt die Freundschaftsinsel.

Am Berliner Hauptbahnhof wäre das anders, dort würden die Leute unglücklicher aussehen. In Berlin sind die Leute natürlich unglücklicher als in Potsdam, aber das Unglück der Berliner ist in Wahrheit nur eine andere Art von Glück.

In dem Moment, da der Zug aus dem Bahnhof fährt, bricht der Himmel auf.