Das R-Wort wird nie aussterben, nicht hierzulande, nicht in Deutschland. Rabenmutter – das ist eine, die eine schlechte Mutter ist. Die berufstätig ist, außer Haus. Die morgens ihr Baby im Maxi-Cosi zur Tagesmutter fährt, Fläschchen, Deckchen, Bärchen abliefert – und tschüss. Abends gegen 18 Uhr wird das Knöpfchen wieder eingesammelt.

Rabenmutter – das ist eine, die ihr Knöpfchen morgens im Kindergarten absetzt, Hausschühchen, Trinkfläschchen, Regenjäckchen dazu – und tschüss. Am späten Nachmittag, niemals vor 16.30 Uhr, wird Knöpfchen wieder abgeholt.

Rabenmutter – das ist eine, die früh um halb acht dem Schulkind Knopf das Müsli hin- und ihn selbst dann mit Brotdose, Ranzen, Turnzeug aus der Haustür schiebt – und tschüss. Nachmittags kommt eine Kinderfrau.

Rabenmutter – das ist eine, die ihrem Knopf mit 15 einen Schubs gibt und ihn ins Ausland schickt, Koffer, Smartphone, Rückflugticket – und tschüss.

Ich war eine Doppel-Rabenmutter – eine, die sich traute, das ganze Programm auch noch aufzustocken und dem Knopf ein Knöpfchen an die Seite zu stellen. Mit Vollzeit-Berufstätigkeit. Damals, in den achtziger, neunziger Jahren, wurde man dafür schief angeschaut. Schiefer noch als heute vermutlich.

Hinter meinem Rücken wurde getuschelt. Wahnsinn, der Ehrgeiz dieser Frau. Warum macht ihr Mann das mit? Muss so eine eigentlich Mutter werden – nur um fremde Menschen für den Nachwuchs sorgen zu lassen? "Die armen Würmchen." Hatte das Kind Fieber, wurde ich belehrt: "Klar! Vernachlässigte Kinder haben eben ein empfindliches Immunsystem."

"Ich könnte das nicht so wie du", erklärte eine meiner besten Freundinnen. "Die Kinder weggeben. Du weißt gar nicht, was dir entgeht. Wie fantastisch das ist, ein Kind heranwachsen zu sehen." Das glaube ich aufs Wort, habe ich gesagt, und ich erlebe es auch. Aber was nützt es meinem Kind, wenn ich zu Hause bleibe, um Vollmutti zu sein? Ob das gut für die Entwicklung ist, mit einer unzufriedenen Mutter groß zu werden?

Als Knopf und Knöpfchen halbwegs herangewachsen waren, wurde mir ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt angeboten, zwei Monate USA. Mein Mann – von Natur aus kein Hausmanntyp, aber ein großartiger Vatertyp – machte mir Mut, und er versprach, den Kindern werde es an nichts fehlen.

Es fehlte ihnen an nichts. Mein Mann konnte sich nicht retten vor den Hilfsangeboten der Nachbarinnen und Freundinnen. Mir hatten diese Frauen allerdings prophezeit, die armen Kleinen würden mich vergessen haben, wenn ich zurückkehre. So viel zur Unterstützung unter Frauen. Madeleine Albright, die frühere amerikanische Außenministerin, hat einmal behauptet, in der Hölle gebe es eine Extra-Nische für unsolidarische Frauen. Aufgrund welcher Erfahrungen mag Mrs. Albright zu dieser Einschätzung gekommen sein?

Werden wir sachlich. Schauen wir die Zahlen von heute an, erstaunlich wie eh und je. In der Studie Dare to Share der OECD, in der die Einstellung zur Berufstätigkeit von Müttern und die Einkommensverteilung in Familien untersucht werden, liest man: "Das Modell des männlichen Allein- bzw. Hauptverdieners ist in Deutschland weiterhin vorherrschend." Zwar hole das Land deutlich auf, was die Berufstätigkeit von Frauen betreffe, und zwar in den vergangenen 15 Jahren von 58,1 auf 69,5 Prozent. Aber es seien meist Teilzeitjobs, denen die Mütter nachgehen, oft sogar mit geringer Stundenzahl (und entsprechend niedrigem Gehalt).

Familienarbeit wird heute stärker anerkannt? Ach, immer noch tragen Mütter die Hauptlast, was Haushalt und Erziehung betrifft. Nur in jedem vierten Haushalt beteiligen sich die Partner daran in einem Ausmaß, das über das Minimum hinausgeht. Die Definition dieses "Minimums" darf individuell kontrovers diskutiert werden.

Außerdem kennt man Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts darüber, wie ausgiebig sich Väter im Durchschnitt mit ihren Kindern beschäftigen: Montags bis freitags sind es etwa zwei Stunden täglich, an Wochenenden angeblich sechs. Es sei einmal dahingestellt, ob diese Angaben der Wirklichkeit entsprechen. Als besonders unbeliebt bei Vätern gelten jedenfalls Tätigkeiten wie "mit Kindern Hausaufgaben machen" oder "ernstere Erziehungsgespräche führen". Offenbar gilt es als ein Naturgesetz, dass Mütter diese Aufgaben besonders perfekt erledigen. So perfekt, dass niemand dazwischenfunken sollte? Gut, das war jetzt etwas giftig! Es bleibt einfach dabei: Mütter sollen froh sein um jeden Mann, der sich regelmäßig und nicht nur ausnahmsweise einsetzt in der Familienarbeit. Mein Glück war, dass ich einen solchen Mann erwischt hatte.