1. Worin ist Potsdam Weltspitze?

"Ich komme aus dem Trauen eigentlich nicht mehr heraus. Wir schließen in Potsdam so viele Ehen wie seit dem Mauerfall nicht mehr – 1015 waren es voriges Jahr, und die Zahl hat sich kontinuierlich gesteigert. Potsdam ist deutschlandweit ein Spitzenreiter im Heiraten, im Verhältnis zur Einwohnerzahl nur noch von München übertroffen. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Hochzeiten mehr und mehr zu Events werden. Und wer ein Event veranstaltet, braucht eine tolle Location. Potsdam hat tolle Locations. Schlösser und Seen und wunderbare Parkanlagen – alles wie gemacht für eine Trauung. Viele Brautpaare kommen von außerhalb, manche reisen aus Australien oder Singapur an. Wir hatten auch schon Paare – Stichwort Event –, die standen in Karateanzügen vor uns, einmal sollte ein Greifvogel die Eheringe bringen. Die Zahl der Scheidungen übrigens ist in Potsdam konstant geblieben – aber das liegt wahrscheinlich daran, dass man dafür keine ganz so feierliche Umgebung braucht."

Ulrike Wildner, 41, leitet das Potsdamer Standesamt

2. Was ist die Wunde dieser Stadt?

Es gibt einen Ort in Potsdam, der nahezu allen wehtut: Jener Platz, an dem einst die Garnisonkirche stand, ist die Wunde dieser Stadt oder besser gesagt: eine von vielen Wunden. Gebaut wurde diese Kirche von Friedrich Wilhelm I. Bei der Bombardierung Potsdams 1945 zerstört, blieben nur die Ruinen des Turms stehen – bis die DDR sie 1968 sprengte. Jetzt soll der Kirchturm wieder aufgebaut werden. Dafür setzen sich viele Prominente ein, von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über den früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe bis zum Moderator Günther Jauch. Letzterer spendete sogar anderthalb Millionen Euro.

Aber viele in der Stadt sind dagegen: gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Und gegen den Rekonstruktionskult, der in Potsdam ohnehin tobe. Der Konflikt um die Kirche steht für viele Konflikte in dieser Stadt. In Potsdam zeigt sich auch, was passiert, wenn eine Oststadt vermünchnert.

In den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten ist die Stadt einerseits zum Heimatort der Reichen und Schönen geworden, die an den Ufern der Seen Villengrundstücke erworben haben – und anfingen, mit großer Lust die Stadt mitzugestalten. Vielfach setzen sie sich für Rekonstruktionen nach historisch-preußischem Vorbild ein. Andererseits sind da manche Alteingesessene, die mitunter das Gefühl haben: Die Stadt entwickelt sich so schnell, man kommt kaum hinterher. Die Spuren der DDR, die Spuren ihres Lebens auch, sehen sie allmählich verschwinden.

So verlaufen Stadtdebatten immer wieder unerbittlich: beim Streit, ob das Stadtschloss wieder aufgebaut werden soll (wurde es). Beim Streit, ob das frühere DDR-Interhotel im Zentrum abgerissen werden soll (wurde es bisher nicht). Jetzt bei der Garnisonkirche.

In Potsdam wird sichtbar, wie großartig und wie schwierig Reichtum sein kann: Er lässt die Stadt prosperieren. Reichtum kann eine Stadt jedoch auch ersticken. Mancherorts in Potsdam ist das fette Geld zum Problem geworden: Kaufen sich die Prominenten ihr Potsdam, wie es ihnen gefällt? Und wird das nicht irgendwann langweilig? "Potsdam wird kein Preußen-Disneyland werden", sagt Manfred Stolpe, der frühere Ministerpräsident. Aber es gibt sogar ehemalige Spitzenpolitiker, die erzählen, dass sie in Potsdam leider keine Wohnungen mehr fänden: Es gebe einfach keine.

Wenn den anderen ostdeutschen Städten, auch den wunderschönen wie Dresden oder Leipzig oder Weimar, etwas fehlt, dann ist es das, was man "altes Geld" nennen könnte, selbstverständlichen Reichtum. Wohlstand, der zu Mäzenatentum führt. In Potsdam ist das anders. Die Wohlhabenden verpflichten sich gegenseitig, einen regelrechten Korpsgeist gibt es. Der Dirigent Christian Thielemann, in einer adretten Potsdamer Villa lebend, sagte einer Zeitung einst: "Ich bin in allen maßgeblichen Vereinen Mitglied, von der Stiftung Paretz bis zur Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten. Ich komme aus dem Spenden gar nicht heraus." Hasso Plattner, der SAP-Milliardär, hat so viele Millionen für die Stadt gegeben, dass man das Geld kaum mehr zählen kann. Allein für ein Software-Forschungsinstitut stellt er Hunderte Millionen bereit.

Ist Potsdam nur Residenzstadt der Berliner oder ein München im Osten oder etwas ganz anderes? Die gute und schlechte Nachricht lautet, dass Potsdam immer um seine Rolle kämpfte; es gewohnt ist, diesen Konflikt auszutragen. Oder, wie Manfred Stolpe sagt: "Das ist ein praktisches Übungsfeld für Toleranz in Potsdam."