Doch in den Wirren der Säkularisierung gingen auch die politischen Vorfeldorganisationen der katholischen Volkskirche unter. Der politische Protestantismus ist da, wie der Politikwissenschaftler Gerd Langguth bereits 2012 analysierte, mit seiner Betonung der individuellen Freiheit langlebiger und eher kompatibel mit dem Gewissen und dem Konservativismus Merkelscher Prägung. Gleichzeitig lässt er sich – dem Erfolg von AfD und Pegida zum Trotz – im entchristlichten Norden und Osten prinzipiell leichter an den Wähler bringen. Denn vom Bekenntnis zur Demokratie und Nächstenliebe abgesehen, will und erwartet er vom Einzelnen nichts.

Da ist der Katholizismus mit seinem ganzheitlichen Anspruch schon anstrengender und für den gesamtdeutschen Volksvertreter auch nerviger in seiner ländlichen Verschrobenheit. So erfordert es von einer überzeugten Katholikin wie der Kulturstaatsministerin Monika Grütters schon einige weltanschauliche Verrenkungen, die Ehe für alle gut zu finden, gleichwohl ihre Kirche diese ablehnt. Warum also, mag sich Merkel da denken, mit dem Katholizismus Staat machen, wenn die Lauen unter den Katholiken eh halb evangelisch und die Glühenden schwierig und grau sind? Nichts zu machen, glaubt auch der Politikwissenschaftler Franz Walter, die Scheidung ist endgültig: "Das Gros der konfessionell Konservativen", so Walter, "wird in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilen." Wieso also sein Herz an etwas hängen, das verschwindet, und zwar bald?

Eine mögliche Antwort: Weil es gläubige Katholiken in ansehnlicher Zahl immer noch gibt, auch wenn sie selbst es oft nicht glauben können. Die politische Zukunft mag ihnen nicht mehr gehören, aber so zu tun, als wären sie heute eine entbehrliche Größe, wo ihnen gestern Deutschland noch gehörte, treibt sie unweigerlich in die Depression, in die Renitenz oder abwechselnd in beides. Dann werden sie auf einmal umarmt von der AfD und wissen selbst nicht, wie und warum. So wie der Berliner Erzbischof Heiner Koch. In der Flüchtlingskrise redete er seinen Schäfchen ins Gewissen, dass man nicht Christ und in der AfD sein könne. Und heute muss er denselben Schäfchen erklären, warum die AfD die letztverbliebene Partei ist, die in Sachen Ehe katholische Kante zeigt. Das, gibt Koch zu, könne man keinem mehr erklären.

Schuld daran ist aus katholischer Sicht die CDU. Die überlasse Schäfchen und Schäfer gleichermaßen den Wölfen. Doch das stimmt nur zum Teil. Denn dass man keine Politik mehr machen kann mit der katholischen Lehre, wie sie ist, wenn man Volkspartei sein und bleiben möchte, gehört zu den bitteren Realitäten, denen sich der Katholizismus partout nicht stellen will. Die deutschen Bischöfe mögen nicht mehr poltern wie Meisner, doch von dessen Anspruch, die Wahrheit zu verkünden, nach der sich die Mehrheit gefälligst zu richten hat, wollen und können auch sie nicht lassen. Und wenn die Mehrheit nicht will, wie sie soll, kann man als zartbesaiteter Bischof durchaus mal den Blues bekommen.

Gleichzeitig tut die CDU aber auch nichts, um den Katholiken den Machtverlust weniger traumatisch zu gestalten. Da hat die CDU unter Merkel alles vergessen, was Kohl sie einst gelehrt hat. Meisterhaft verstand es der Kanzler der Einheit, dem Gegenüber noch das letzte Hemd zu nehmen und ihm dafür das Gefühl zu geben, es warm und wohlig zu haben an der Brust des schwarzen Riesen. Alle waren Kohl gleichermaßen wichtig, wenn er etwas wollte von ihnen. Bei Merkel dagegen werden die konservativen Katholiken das Gefühl nicht los, die CDU habe mittlerweile aufgehört, sie überhaupt zu brauchen für irgendwas. So als warte Merkel insgeheim darauf, während sie den Papst aus der Fremde herzt, dass die hiesigen Katholiken sterben oder wenigstens nicht weiter stören.

Dabei gibt es schon etwas, was Merkel der Zerrüttung zum Trotz bekommen kann von ihnen: Stimmen. Dazu jedoch muss sie den konservativen Katholiken das Gefühl geben, dass es nicht egal ist, was sie wollen und denken, dass sie nicht die Verlierer sind, die keiner liebt. Wie man das macht? Kohl würde in Speyer ein Kerzchen entzünden in seinem Herzens-Dom. Er würde weinen vor Rührung und sichergehen, dass Deutschland es sieht und gerührt ist wie er. Dann würde er die Depression vertreiben, indem er spazieren geht mit Erzbischof Koch so wie früher mit Karl Kardinal Lehmann. Er würde über Männerfreundschaften reden. Er würde Politik machen mit ihnen und alles würde gut ausgehen und blühen am Ende.

Für Merkel ist das keine Option. Sie ist kein Mann. Sie ist nicht Kohl. Sie ist nicht katholisch. Aber sich manchmal vorzustellen, was es heißt, katholisch zu sein, wäre für sie und ihre CDU ein Anfang. Dann kann man auch nach der Scheidung Freunde bleiben. Vielleicht.

Mitarbeit: Fabian Klask und Konstanze Nastarowitz

Ulrich Matthes - Freuen Sie sich über die Ehe für alle? Schauspieler Ulrich Matthes findet den Ausdruck Gewissensentscheidung in Bezug auf die Ehe für alle unangemessen. Er fragt, was konservativ heute bedeutet. © Foto: Anond Zika