Wenn ein berühmter Opernsänger stirbt, überleben seine Arien. Das liegt am Komponisten. Wenn ein berühmter Schlagersänger stirbt, sterben auch seine Lieder. Das liegt ebenfalls am Komponisten.

Die Lieder von Chris Roberts waren untergegangen, solange er sie noch durch unsere härter gewordene Republik tingelnd weitersang. Und sang und sang; wie seine Sangesbrüder und -schwestern bis zum letzten Atemzug. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig. Ein alterndes Publikum geht nicht so schnell unter wie sein Sänger.

Ein junges Mädchen, so um die 14, 15, steht vor einem Problem, wenn es seine Mutter trösten möchte, die um Chris Roberts trauert. Denn wie soll es um den Verlust der Mutter wissen, wenn es nie mit ihr auf einem Chris-Roberts-Konzert gewesen ist?

Bei den Stones sieht das anders aus. Wer sich in diesem Sommer die Preise der ewig wilden Herren leisten kann, nimmt die ganze junge Brut gleich mit. Aber Daddy ist in seinem Stones-T-Shirt über dem Wohlstandsbauch so peinlich, wie es die Siebziger-Schlager singende Mutti in ihrem Flower-Power-Kleid auf dem letzten Chris-Roberts-Konzert auch war. Sie schwenkte das Feuerzeug wie eine Zeugin Rowentas. Sie jubelte: "So war das!" Natürlich war es nicht so.

Wenn ich einmal sterbe, wird niemand schreiben: "Der hat noch mit Chris Roberts vor der Kamera gestanden." Und das ist gut so. Auch die in den Wörthersee-Filmen gesungenen Schlager von Chris Roberts und Co. sind so wenig witterungsresistent wie das Zelluloid, auf dem die Fetzen gedreht wurden. Aber mein Erinnerungsfilm legt sich liebevoll über dieses schwachsinnige Tolle Tanten-Filmmaterial. Wie ein milder Filter. Ganz soft.

Ich seh mich wieder 17-jährig vor der Nobelterrasse in Velden auf den knallroten Honda-Sportwagen schauen. In einer Drehpause. Und Chris Roberts sagt ohne Angeberei, aber sehr glücklich: "Guck mal – von meiner ersten Filmgage." Ich war begeistert und machte noch viele schlechte Filme, kaufte meinen Eltern einen gebrauchten weißen Mercedes; und da stiegen natürlich nur Mama und Papa ein und nicht die wilden, hübschen Mädchen, die ich so begehrte. Während ich also auf der Hotelterrasse brav mit meinen Eltern Abendbrot aß, fuhr Chris Roberts der Kärntner Abendsonne entgegen. Nie allein. Immer mit schönen Frauen. Mir war das gleich. Ich wollte sie alle. Aber Komiker bleibt Komiker. Was mir blieb? Ich parodierte Chris Roberts in meiner Disco- Sendung. Das Publikum lachte. Wir sahen uns dann wieder bei so mancher Filmpremiere. Für das Werk Wenn die tollen Tanten kommen ging es 1970 in Essen vor der berühmten Lichtburg über den roten Teppich – durch die jubelnde Menge, als wären die Siebziger die Fünfziger. Dabei waren es nur falsche Fuffziger.

Wenn Sie mich fragen: Chris Roberts verkörperte eine Art Unschuld, die diese Republik nie gehabt hatte. Sie war bereits kurz nach der einsetzenden Heimatfilmwelle à la Schwarzwaldmädel verbraten und verkokelt worden. Abgefackelt mit den Restbeständen der ästhetischen Flimmerkiste des Joseph Goebbels. Die Mörder waren unter uns. Ihre Filmproduzenten auch. Sie ließen Gras über die Geschichte wachsen und produzierten dafür lieber Geschichten, die das Leben nie so schreibt. Und immer mit Musik. In jedem Jahrzehnt muss ein Sänger den hohlen Zahn der Zeit ausfüllen. Das steckt einfach so drin im Volksmund. Fällt er dann aus, der Zahn, wird er durch eine neue Jacketkrone der Schlagerschöpfung ersetzt. Dass ausgerechnet dieser unser Chris Roberts gar nicht einer "von uns" gewesen sein soll, sondern erst vor Kurzem als bis dahin Staatenloser die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, das fand ich erstaunlich. Er war nämlich der Sohn einer Deutschen und eines Jugoslawen. Im Nationalsozialismus war es einer deutschen Frau verboten, einen Jugoslawen zu heiraten. Deshalb erhielt Chris Roberts, der eigentlich Christian Klusáček hieß, keine deutsche Staatsbürgerschaft. Die beantragte er erst im April 2016. Und er erhielt sie ein Jahr später, kurz vor seinem Tod.

In gewissem Sinne bin ich ein Geheimnisträger. Wenn ich anno 76 im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten für die nächste Disco- Show abstieg, kam mir oft ein liebenswerter alter Hoteldiener entgegen. In gebrochenem Deutsch begrüßte er meine Eltern und mich, nahm das Trinkgeld entgegen und brachte die Koffer nach oben. Einmal fragte ich Chris während einer Disco- Probe: "Du, sag mal, soll ich deinem Vater immer noch ein Trinkgeld geben? Oder passt das jetzt nicht mehr? Mit dir als Berühmtheit?" Und Chris lächelte: "Passt schon." Schließlich war er ja in München aufgewachsen. Nur der Presse gegenüber sollte ich den Job des Vaters nicht erwähnen. Heute denke ich: Es war einmal ein junger Mann – ein deutscher Schlagerstar, er konnte sie alle haben. Wollte er sie alle? Und wie war das nun mit der deutschen Staatsbürgerschaft? Wollte er sie erst nicht? Und warum jetzt? So spät?

Folgendes Wortspiel habe ich mal in der Show präsentiert. Es funktioniert nur, wenn Sie, liebes junges Publikum, wissen, wer Robert Stolz war (er war der letzte Wiener Operettenkomponist des vorigen Jahrhunderts, wurde über 80 und starb in den Achtzigern). Nun zur überholten Pointe: "Wenn Chris sich eine Freundin nimmt, dann ist sie Roberts Stolz!" So viel zu den Wortspielen, die so sinnlos und wahr sind wie die besten Schlagertitel: DU KANNST NICHT IMMER SIEBZEHN SEIN. Manchmal reicht es nur bis 73 ...

Auf Wiedersehen, Chris, jetzt kannst du sie alle haben ...