DIE ZEIT: Ursprünglich war an dieser Stelle ein Dreiergespräch geplant. Wir wollten mit Ihnen und Frank Castorf über Ihre Berliner Theaterjahre sprechen. Sie verlassen nach 18 Jahren das Berliner Ensemble, Frank Castorf leitete sogar 25 Jahre lang die Volksbühne. Sie beide verließen Ihre Posten nicht freiwillig, sondern auf politischen Beschluss hin. Es hätte also viel zu besprechen gegeben. Doch Castorf sagte das vereinbarte Gespräch ab mit der Begründung, in der vergifteten Stimmung dieser Stadt sei ihm unwohl bei einem solchen Bilanzgespräch. Was sagen Sie zu dieser Absage?

Claus Peymann: Es ist schade! Dieses gemeinsame Gespräch hätte sehr aufregend werden können: zwei Dinosaurier des Theaters, die unterschiedlicher nicht sein können. Aber Castorfs Angst, dass seine Aussagen missbraucht werden könnten in einer kulturpolitisch völlig verhetzten Stadt, ist verständlich – in Berlin ist es tatsächlich nicht zum Aushalten. Umso erstaunlicher, dass wir es überhaupt so lange aushalten konnten! Diese Stadt war ja immer auf eine schreckliche Weise mörderisch. Sie hat nicht nur Reinhardt vertrieben und Andrea Breth und Peter Stein, Luc Bondy und Hans Lietzau – der Verschleiß der Stadt lässt einen wirklich zittern.

ZEIT: Was ist das spezifisch Unerträgliche?

Peymann: Berliner sind schnell, wissen alles und möchten am liebsten cool und sexy sein. Deshalb darf der Berliner sich nicht überraschen lassen, er ist auch nicht fähig zu träumen. Allerdings, das BE-Publikum ist neugierig, herzlich und treu, es ist unbeirrbar von der Theaterkritik. Diese einmalige Publikumssympathie haben Sie ja an unserem Abschiedsfest erleben können! Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Ich musste das nach 40 Minuten abbrechen, damit das Feuerwerk steigen konnte, sonst hätten die bis ins Morgengrauen weitergeklatscht. Aber die Politiker haben grundsätzlich keine Ahnung vom Theater. Da ist mein Kinderglaube ans Theater in dieser Stadt nicht angesagt. Aber ich kann und will es nicht anders. Ich bin einerseits das vorlaute Enfant terrible, das herumschimpft und sich lächerlich macht durch seine Ungeduld und Aggressivität – andererseits will ich das Theater als Utopie verteidigen. Das Theater der Geschichten, der Spieler, der Literatur muss das Theater der Zukunft sein – andernfalls gute Nacht!

ZEIT: Haben Sie zwischendurch erwogen, das Gespräch mit Castorf von sich aus abzusagen?

Peymann: Auch mir hat die Idee eines gemeinsamen Interviews mit Castorf gewaltiges Kopfzerbrechen gemacht. Er ist ja sehr schlagfertig und intelligent, auf seine schnoddrige Art – ich schätze ihn, wir sind die gleiche Gewichtsklasse. Ich sage immer: Er ist der König der Feuilletons, ich bin der König der Herzen. Ich versteh auch, dass er kneift – aber ich habe keine Angst, ich geh ins Feuer! Dabei kann Castorf sich eigentlich nicht beklagen: Die Feuilletons lieben ihn – auch wenn er in den letzten Jahren lieber außerhalb von Berlin sein Geld verdient hat. Als ich 1999 nach Berlin kam, stand in meinem Vertrag: Peymann bekommt im Jahr 10 000 Mark mehr als der teuerste Schauspielintendant – das war Castorf! Aber was meinen Sie, wie gründlich der inzwischen aufgeholt hat! Vermutlich verdient er inzwischen doppelt so viel wie ich.

ZEIT: Wie sehen Sie die ästhetischen Gegensätze zwischen Castorf und sich selbst?

Peymann: Ich bin eher der Kitschier, der Weltverbesserer, der daran glaubt, dass Menschen verzaubert und zum Guten erzogen werden können, in der Tradition der Klassik, die von der Erziehung des Menschengeschlechtes durch die Kunst ausgeht. Das ist überhaupt nicht angesagt – zumindest nicht bei der Theaterkritik. Wer soll sich denn mit dieser Präambel von Lessing und Schiller, dem Theater als moralischer Anstalt, identifizieren? Ich tue das – und das ist schon absurd! In einer derart kaputten, jugendwahnhaften Gesellschaft herumzurennen wie der Weihnachtsmann, der an den Erlösungsengel glaubt! Da war Frank Castorf, mein geschätzter Rivale, ganz anders dran. Der Kontrahent da drüben am Rosa-Luxemburg-Platz sieht halt schwarz, und ich seh rot! Oder, in Gottes Namen: Eigentlich seh ich rosa! Das gibt mir Kraft. In der Zerstörung, dem Zynismus finde ich keine Kraft.

ZEIT: In welcher Stimmung erlebten Sie Ihre letzten Tage als Theaterdirektor?

Junglöwe aus Frankfut? Eher ein schnurrender Stubenkater!
Claus Peymann

Peymann: Mit Wehmut. Mit Dankbarkeit. Auch mit Zorn. Natürlich auch befreit. Aber wir waren wirklich eine tolle Truppe, ein Ensemble.

ZEIT: Kann es sein, dass Ihr Zorn auch der archaische Zorn eines alten Löwen ist? Zum Beispiel auf den Junglöwen, der aus Frankfurt kommt und nun Ihr Berliner Ensemble übernimmt?

Peymann: Junglöwe? Nein – eher ein schnurrender Stubenkater! Aber im Ernst: Kann ja sein, kann ja alles sein. Ich will nicht ausschließen, dass die Verzweiflung nicht frei ist von Eifersucht. Denn das Theater ist ja mein Leben, meine Hülle, mein Schneckenhaus. Und wie das BE jetzt aussieht, wie es jetzt dasteht, das bin ja auch ich. Insofern ist es doch eine Art Theatertod, wenn ich jetzt aus diesem Haus gehe. Neulich hat mir mein Arzt gesagt: "Jetzt kommen kritische Zeiten auf Sie zu."