ZEIT: Wie lang ist das schon Ihr Arzt?

Peymann: Bestimmt acht oder zehn Jahre. Er kennt mich gut, er ist so ein typischer leidenschaftlicher Theaterarzt, zu dem wir alle gehen, es gibt immer den einen Kardiologen, den einen Internisten, den einen Urologen, zu dem alle hinrennen, und so erfährt man von Wehwehchen der Künstlerkollegen: Die ganze Berliner Szene hockt im selben Wartezimmer! Dieses System ist in Wien übrigens perfektioniert! Da geht dann alles immer direkt an die Boulevardzeitungen. Aber es stimmt, dieses Ende am BE ist für mich auch ein Theatertod – dem ich hoffentlich noch vom Schippchen springe.

ZEIT: Sind Sie als Regisseur eine Potentaten-Gestalt, gegen die das Ensemble aufbegehrt?

Peymann: Ich würde mich nicht als beliebt bezeichnen innerhalb der eigenen Truppe – obwohl wir 50 Jahre durch Feuer und Schnee gegangen sind. Und mich hat weder mit Gert Voss und Martin Schwab noch mit Carmen-Maja Antoni oder Jürgen Holtz eine private Freundschaft verbunden.

ZEIT: Das sagte der langjährige Münchner Intendant Dieter Dorn auch: Er sei mit keinem seiner Schauspieler per Du gewesen. Auch Frank Castorf sagt, er sei eigentlich nicht begabt zu Beziehungen.

Wir sind oft unbegabt zu Beziehungen.
Claus Peymann

Peymann: Wir sind oft unbegabt zu Beziehungen, und wir wollen es auch nicht. Wir können die Intimität und die Liebe der Probe vielleicht nur erzeugen durch Distanz – ich bin kein Kantinensitzer, ich besauf mich auch nicht ständig mit den Schauspielern. Die Distanz ist ein Teil unserer Würde.

ZEIT: Erkennen Sie in Ihrer Regie, Ihrem Führungsstil Erziehungsmethoden wieder, denen Sie selbst als Kind ausgesetzt waren?

Peymann: ... das weiß ich nicht. Ich habe so rabiat mit meiner Herkunft gebrochen, einer Bremer Lehrerfamilie, dass das alles zerschlagen ist – und wahrscheinlich auch verdrängt. Je älter ich werde, desto mehr kommen mir aber Eindrücke aus der Jugend hoch. Vielleicht steckt doch etwas von meinem Vater in mir. Mein Vater war ein begnadeter Geschichtenerzähler und hat an den obskursten Orten die Szene mit unendlichen Geschichten erfreut.

ZEIT: Er war Ihr Gegner. War er auch Ihr Vorbild?

Peymann: Das könnte durchaus sein, dass diese manchmal eitle, aber trotzdem schöne Fantasie, diese hausbackene Liebe zu Träumen, auch zu Karl May, die ich meinem Vater verdanke, für mein Theater eine Rolle gespielt hat. Diese idealisierende Gloriole um den Vater, die mag es gegeben haben. Viele Jahre habe ich mir eingebildet, mein Vater wäre im Jahr 1936 Olympiasieger gewesen – und war sehr stolz auf seine Goldmedaille. Eines Tages bin ich dann von dem legendären Sportjournalisten Harry Valerien in einer Talkshow mit der Tatsache konfrontiert worden, dass mein Vater zwar auf der Olympiade 1936 war, aber nur als einer von 12 000 Eröffnungsgruppenturnern, also nix mit Gold.

ZEIT: Ihre Familie war kleinbürgerlich. Das prädestiniert einen nicht unbedingt für die Kunst.

Peymann: Stimmt, manchmal frage ich mich, wo kommt das Musische bei mir her? Falls es überhaupt da ist. Vielleicht kommt es von der verbotenen Literatur und Kunst in der Nazizeit. Ich bin ein Kriegskind, ich habe diesen Schrecken in größter Intensität wahrgenommen, auch die Bombenangriffe der Amerikaner. Bis heute führt das zu einem Ressentiment gegenüber den Amis, das ich nicht überwinde.

Das neue Mittelalter, das in Europa entsteht, ist auf einem fatalen Kurs.
Claus Peymann

ZEIT: Was bewirkt die alte Kriegsangst, wenn Sie an Deutschland denken?

Peymann: Sie macht mich immun gegenüber den Verblendern, die jetzt wieder die Szene beherrschen und zusätzliche Milliarden ausgeben werden – für eine wahnsinnige Rüstung, gegen wen und warum? Oder ist es überhaupt nur der Profit? Das neue Mittelalter, das in Europa entsteht, ist auf einem fatalen Kurs. Ich müsste jünger sein, um den Krieg gegen den Krieg wieder zu eröffnen. Die Zeichen stehen auf Untergang.

ZEIT: Man könnte Ihnen vorwerfen, hier prognostiziere einer das Ende, weil das große Spiel künftig ohne ihn weitergehen wird.

Peymann: So kann man das sehen. Aber wenn man historisch denkt, sind wir jetzt allmählich am Ende angekommen mit unserem pazifistischen Glück – diesen siebzig Jahren ohne Krieg. Meine Freunde, die Schriftsteller Handke, Bernhard, auch Brasch, witterten diese Bedrohung.