ZEIT: Heiner Müller, ein Künstler der Angst, war hier am BE Ihr Vorgänger als Intendant.

Peymann: Ja, aber er hat diese Ängste mit seinem Zynismus bewältigt. So etwas lernt man in einer Diktatur: den Zynismus als Überlebensmittel. Dieser Zynismus durchzieht auch die heutige Theaterlandschaft. Manchmal denke ich, das Einzige, wo die DDR wirklich gesiegt hat, war, ganz ohne Doping, das Theater: Castorf, Schleef, Müller, Haußmann, Petras und viele andere prägen die Szene. Vieles von der untergegangenen DDR hat sich im Theater erhalten. Ich sage das, weil ich an der einzig originären DDR-Theatergründung, dem Berliner Ensemble, 18 Jahre lang Direktor gewesen bin.

ZEIT: Sie wirkten immer wie einer, der angstfrei lebt – oder es zumindest behauptet. Das ist nicht gerade eine kleinbürgerliche Attitüde.

Peymann: Die Kinder von heute können Freiheit nicht erkämpfen, weil sie sie schon haben. Ich musste sie mir erkämpfen und erkannte früh, dass das Theater etwas von dieser Freiheit vermittelt. Ich hatte viel zu tun! Das fand in reaktionären, teilweise halb faschistischen Konstellationen statt – wenn ich an Stuttgart unter Filbinger denke! Toll, es mit solchen Widerständen zu tun zu haben.

ZEIT: In Berlin traten Sie an, um Kontrolleur der Mächtigen zu sein.

Peymann: Das klingt völlig größenwahnsinnig und absurd, aber so hab ich immer gedacht. In Berlin hab ich mir damit den Kopf eingerannt: immer gegen die Wand statt gegen einen Gegner. Denn es gab keine Gegner. Wer soll das denn gewesen sein? Der barocke Gabriel oder der geschickte Wowereit? Es sind letztlich alles neoliberale Leute, die nur ein einziges Dogma kennen: den Profit und die Quote. Auf der anderen Seite hab ich mich immer als gleichberechtigt mit den Politikern gesehen, ich hab mich in die Nesseln gesetzt in meinem Größenwahn. Meine Interviews waren Kriegsschauplätze eines vorlauten Theaterdirektors. Meine Weigerung, mich ins Hölderlinsche Türmchen zurückzuziehen – das ist es vermutlich, was mich heute endgültig zum Monstrum macht.

ZEIT: War das Theater der einzig denkbare Ort?

Peymann: Ja! Theater ist der Ort der staatlich subventionierten Opposition – in einer Gesellschaft, in der politische Opposition nur noch in der Zivilgesellschaft besteht, während alle versuchen, ihr Schäflein ins Trockene zu bringen. Ich bin ein Anachronist, eine lächerliche Figur, die sich jede Blöße gibt – das Einzige, was mich unangreifbar macht und mich bestätigt, ist die Liebe der Zuschauer. Spazieren Sie mal mit mir durch Stuttgart, durchs dunkle Bochum, durchs imperiale Wien – oder laufen mit mir morgens im Wald von Köpenick – selbst die Wildschweine wollen ein Autogramm!

ZEIT: Bei Hans Henny Jahnn steht folgender Satz: "Es ist mir der köstlichste Gedanke, daß die Form unseres Leibes, seine Schlankheit oder süße Üppigkeit von dem Bewußtsein unserer Geschlechtlichkeit abhängt, von dem geheimen Werk, das wir an unseren Testikeln oder Ovarien abdienten oder wirkten." Daraus abgeleitet die kühne Frage: Haben Sie sich je gefragt, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie eine Frau wären? Ist Karriere eine Folge unseres Triebs? War alles nur Männerkampf?

Peymann: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich war mit Hans Henny Jahnn befreundet. Ich war beeindruckt von seinem Roman Die Niederschrift des Gustav Anias Horn. Mein Sohn heißt Anias nach dieser Titelfigur. Zu Ihrer Frage: Ich hatte nie das Bedürfnis, ein anderer zu sein oder mir vorzustellen, eine Frau zu sein. Da würde mir was fehlen. Mein Leben ohne die wundervollen Frauen, die ich traf, wäre nicht vorstellbar ...

ZEIT: Wie viele solcher Begegnungen waren nachhaltig wichtig?

Peymann: Nicht einmal eine Handvoll.

Applaus ist ein wunderbares, aber seltsames Geräusch.
Claus Peymann

ZEIT: Es wurde berechnet, dass in Ihrer Zeit am BE insgesamt 29 Tage lang applaudiert worden ist.

Peymann: Applaus ist ein wunderbares, aber seltsames Geräusch. Bei der Uraufführung der Publikumsbeschimpfung von Peter Handke gab es am Schluss tosenden Applaus, der kein Ende nehmen wollte – der war durch eine listige Idee von Handke manipuliert: Applaus wurde vom Band eingespielt, und die Leute im Parkett vermuteten, der Rang tobt immer noch ...

ZEIT: ... dann jubelt auch das Parkett weiter?

Peymann: Das hätten wir tagelang fortsetzen können. Der Schriftsteller Wolf Wondratschek, der im Publikum saß, hat damals den Trick durchschaut und wollte den Lautsprecher mit dem künstlichen Applaus außer Gefecht setzen – was ich verhindern konnte, indem ich ihn in den Schwitzkasten nahm.

ZEIT: Was? Aber Wondratschek war doch Boxer.

Peymann: Er schrieb gern über das Boxen, aber war selber als Boxer eine Null. Im tatsächlichen Kampf hätte er mir nichts vormachen können.

ZEIT: Setzten Sie sich oft körperlich zur Wehr?

Peymann: Der härteste Fight war schon der gegen Wondratschek. Die Leute haben mir zuerst zugejubelt. Als er endgültig k. o. am Boden lag, haben sie mich ausgepfiffen. So geht unsere Gesellschaft mit Künstlern um: Kämpfen sie, werden sie gefeiert. Haben sie gesiegt, werden sie beschimpft.

ZEIT: Was wurde aus Ihrem Sohn Anias?

Peymann: Der ist ein ganz toller Bursche, inzwischen schon über 40. Er finanziert sich allein – was eine Leistung ist, weil die meisten meiner 68er-Weggefährten bis heute ihre Kinder finanzieren.

ZEIT: Treffen Sie ihn manchmal?

Peymann: Ja. Es ist eine schöne, freundschaftliche Verbindung zwischen uns. Meine Frau hatte ihn alleine aufgezogen, denn ich hab, was das Leben, was meine Vaterrolle angeht, total versagt. Vielleicht ist in dieser Leidenschaft, mit der ich Theater mache, auch kein Raum fürs Familiäre. Ist das nicht eine gute Ausrede für das eigene Versagen? Meine Familie, das sind die Dichter, Dramaturgen, Bühnenbildner, Schauspieler – das Theater.