Besser lässt sich das Geheimnis nicht in Worte fassen. "Fußball ist ein einfaches Spiel, 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen." Ein Satz von Gary Lineker, dem Philosophen und ehemaligen englischen Nationalspieler. Wie recht Lineker hat, bestätigte der Confederations Cup in Russland.

Am vorigen Sonntag gewann eine deutsche B-Elf dieses Turnier, schlug dabei die Kontinentaltitelträger aus Südamerika, Afrika, Asien und Mittelamerika. Zwei Tage zuvor holte eine ersatzgeschwächte U-21 den EM-Titel in Polen. Vor einem Jahr hatte die U-23 das Olympia-Finale in Rio de Janeiro erreicht, verlor erst im Elfmeterschießen gegen das Brasilien Neymars. Ach ja, Fußballweltmeister ist Deutschland auch noch.

Angesichts dieser Erfolge wurde Bundestrainer Joachim Löw nach dem 1 : 0-Finalsieg gegen Chile in St. Petersburg am vergangenen Sonntag von Journalisten aus aller Welt gefragt, ob Deutschland in den nächsten Jahren überhaupt noch zu schlagen sei. In der spanischen Presse war zu lesen, der deutsche Fußball sei die "weltweite Bezugsgröße", die Nationalelf sei das "Real Madrid der Nationalmannschaften". Der ehemalige englische Nationalspieler Gary Lineker witzelte, halb aus Respekt, halb aus Verzweiflung: "Wenigstens sind sie schlecht im Kricket."

In Russland und Polen, auch schon beim WM-Titel 2014, profitierte der deutsche Fußball von einem System, das der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder 2004 nach enttäuschenden Leistungen etabliert hatte: Seit 2004 muss jeder Erst- und jeder Zweitligist gemäß den Lizenzstatuten ein Nachwuchsleistungszentrum unterhalten. Seit 2001 gibt es eine deutschlandweite A-Jugend-Bundesliga (16–18 Jahre), inzwischen auch eine für die B-Jugend (14–16). Das Netz der Stützpunkte, in denen Talente gesichtet werden, ist dicht. Der DFB gewährleistet, dass kein Junge oder Mädchen weiter als 25 Kilometer zum Training fahren muss. Weil der DFB keine sozialen Schranken kennt, erhöht das auch die Chancen von Kindern und Enkeln von Einwanderern. Tore in Russland erzielten Kerem Demirbay, ein Sohn türkischstämmiger Eltern, und Amin Younes, der Sohn eines Libanesen.

Auch Spanien, Frankreich, Italien und England investieren stark in den Jugendfußball. Doch in keinem anderen Land arbeiten so viele Trainer, Betreuer, Haupt- und Ehrenamtliche wie in Deutschland, kein anderes zählt so viele Ligen, Vereine, Mitglieder, Verbände, selbst Schiedsrichter. Auch im Fußball ist Deutschland Organisationsweltmeister. Tschechien war vor nicht mal fünfzehn Jahren besser als die deutsche Elf, in der aktuellen WM-Qualifikation ist das Nachbarland, das keine vergleichbaren Nachwuchszentren hat, ohne Chance gegen sie. Es gibt wieder Kleine und Große im Weltfußball.

In diesen Sommerwochen ließ sich beobachten, dass die deutsche Fußballindustrie Talente am Fließband produziert. Es gibt eine Vielzahl von Spielern, die bereits im Alter von 19 oder gar jünger technisch und athletisch auf gehobenem Level Profifußball spielen können.

Noch etwas typisch Deutsches kommt hinzu: Weil schon die Kleinen um Auf- und Abstieg spielen, sind sie ans Gewinnenmüssen gewöhnt. Siehe Confed Cup, gegen Chile war die DFB-Elf zweimal unterlegen, der Gegner machte das Spiel, drückte die Deutschen in die Abwehrhälfte. Doch am Ende hieß es 1 : 1 in der Vorrunde, das Finale gewann Deutschland sogar. Gegen Mexiko im Halbfinale genügten der deutschen Elf zwei Chancen zu zwei Toren. Nach nicht mal acht Minuten stand es 2 : 0. Anschließend waren die Mexikaner phasenweise absurd überlegen, die Löw-Elf versammelte sich vor und in ihrem Strafraum. Als dem Gegner endlich das 1 : 3 gelang, antwortete sie eiskalt mit dem vierten Treffer. Deutschland überzeugte in Russland vor allem in den Disziplinen Widerstand, Teamgeist, Zielstrebigkeit und Effizienz.

Deutschland war eine Ergebnismaschine – und das, obwohl diese Mannschaft keine Zukunft hat. Der Confed Cup, es ist kein Geheimnis, war ein Casting für die WM 2018. Manche Spieler scheinen ihre Chance für einen Recall genutzt zu haben. Der Schalker Leon Goretzka erwies sich als torhungriger und -gefährlicher Mittelfeldspieler, der gerne in und an den gegnerischen Strafraum stößt. Der schnelle und schussstarke Timo Werner aus Leipzig wurde gar Torschützenkönig. Antonio Rüdiger, unter Vertrag beim AS Rom und ein Athlet von Abwehrspieler, verhinderte mit einer präzisen Grätsche im Finale die frühe Führung der Chilenen. Der phantomartige Gladbacher Stürmer Lars Stindl machte fast aus jeder Chance ein Tor. Sebastian Rudy, der von Hoffenheim nach München wechselt, war das coole Zentrum im Mittelfeld, das den Ball auch mal gegen zwei Gegenspieler behaupten und in die richtige Richtung lenken konnte. Alle sind Kandidaten für den WM-Kader.