Der Graf hat einen festen Zeitplan, seit zwanzig Jahren. Um 7.30 Uhr wacht er auf. Um 10 Uhr macht er Zehengymnastik. Um 13 Uhr räumt er die Küche auf und plaudert mit seinem Hund Schmitt. Um 16 Uhr steht Nachdenken und Sinnieren im Schaukelstuhl auf dem Programm. Als er eines Tages völlig unverständlicherweise verschläft, kann das also nur eines bedeuten: eine schwerwiegende Veränderung. Und tatsächlich kommt es am folgenden Tag zu einem Treffen, das sein Leben auf den Kopf stellen wird. Ein kleines Mädchen, wohl eine Streunerin, taucht vor dem großen stillgelegten Bahnhof auf, in dem der Graf wohnt – und das ausgerechnet, als dieser gerade seine tagtäglichen Kniebeugen macht. "Du bist echt ein komischer Kauz", sagt das Mädchen. "Aber dein Bahnhof gefällt mir. Kann ich mich mal umgucken?"

Es ist ein klassisches Szenario, das die Autorin Kirsten Reinhardt in diesem so komischen wie traurigen Roman entwirft: Ein verschrobener Herr um die 80 trifft auf ein Kind, das ihn aus seinem Phlegma befreit. Liebevoll zeichnet Kirsten Reinhardt ihre Figuren und kitzelt den Grafen aus seinem jahrelangen Schlaf. Er ist ein Mensch aus gutem, aber herzlosem Hause, der sich durch einen immer gleichen Tagesablauf selbst Halt gegeben hat. Und der nun spät, aber nicht zu spät lernt, sich zu öffnen. Dank Eli, dem Mädchen mit den struppigen Haaren und dem losen Mundwerk, bemerkt er, dass er in seinem langen Leben doch nicht ganz so mut-, saft- und kraftlos gewesen ist, wie er immer dachte.

Dass der Graf ein Graf ist, erkennt die lebens-, aber nicht altkluge Eli schon daran, dass er ziemlich herrschaftliche Pantoffeln trägt – die einzigen Alltagsgegenstände, die er aus seinem früheren Leben behalten hat. Dass der Hund des Grafen Schmitt heißt, kommt Eli dagegen komisch vor, schließlich stammt das Tier ursprünglich aus Istanbul. Für den Grafen aber war Schmitt einfach immer Schmitt. So festgelegt ist er in seinen Ansichten, dass er einiges gemeinsam hat mit den Kaugummis, die er ein Leben lang gesammelt hat und in einem großen, verstaubten Raum voller Schachteln und Behältnisse verwahrt: Ein Kaugummi, erklärt er seiner Besucherin, einmal ausgespuckt, erstarrt für alle Ewigkeit in seiner einzigartigen Form.

Dass dem alten Herrn dieses putzmuntere Kind zuläuft, erweist sich schon bald als schicksalhaft: Kurz nach seinem Gast flattert dem Grafen ein Brief ins Haus, der ihn auffordert, seinen Bahnhof zu verlassen, um Platz für eine hochmoderne Mülltrennungsanlage zu schaffen. Und ausgerechnet Eli ist mit der Ortsvorsteherin und Unterzeichnerin des Briefes verwandt – die zugleich eine ehemalige Mitschülerin des Grafen und Tochter des Direktors der verhassten "Anstalt" ist. So nennt der Graf das Internat, das er früher besuchte; eine Schule für Sprösslinge reicher und wichtiger Eltern, die keine Lust haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Ein Ort ohne Liebe.

Die Begegnung mit Eli wird für den Grafen zugleich zur Begegnung mit der eigenen verdrängten Vergangenheit und schließlich zu einem späten Aufbruch in die Zukunft. Was ernst klingt, ist es auch, aber Kirsten Reinhardt gelingt es, alle Schwere in einer rasanten Story aufzulösen und mit solch einer vor Fantasie strotzenden, dabei nie aufdringlichen Sprache zu erzählen (wer wüsste etwa nicht, was magenkrachender Hunger ist?), dass sie ihre Leser immer wieder vergessen lässt, wie nah Leben und Tod nicht nur in dieser Geschichte beieinanderliegen. Nachdem Eli und der Graf einen Einbruch begangen und sich der Urkundenfälschung schuldig gemacht haben (nur für den guten Zweck, versteht sich!), darf der stillgelegte Bahnhof stehen bleiben und in anderer Funktion ganz ohne Züge wieder eröffnen. Ein Besuch lohnt sich.

Kirsten Reinhardt: Der Kaugummigraf. Carlsen Verlag 2017; 224 S., 12,99 €; ab 10 Jahren