Diese Frau ist der Albtraum des Jahres. Stets im Dienst, auf fiesen Stilettos, ihr Mund ein purpurrotes Stoppschild. Sie bezahlt Männer für Sex, nimmt Pillen, schläft wenig, hat alles unter Kontrolle: "Lobbyarbeit bedeutet Voraussicht" ist ihr erster Satz in dem Film Die Erfindung der Wahrheit, einem Thriller von John Madden (Shakespeare in Love). Und: "Der Sieger ist der Gegenpartei immer einen Schritt voraus und spielt seine Trumpfkarte, nachdem sie ihre gespielt hat."

Es handelt sich also bei dieser Miss Sloane um eine Strippenzieherin des Politikbetriebs. Und sie wäre die völlig abstrakte Karikatur einer solchen, steckte sie nicht im Körper von Jessica Chastain. Der Kontrast zwischen der zynischen Kälte ihrer Figur und der feinnervigen Sensibilität der Schauspielerin gibt diesem Film ein Charisma, das er eigentlich nicht verdient hat.

Denn dieser mit routiniertem Drive inszenierte und geschnittene Film ist ein Empörstück, das wie der politische Populismus ein großes Theater veranstaltet um die Idee, "die da oben" würden unsere Geschicke unter sich ausdealen, mit Machtgier und vielen Millionen Dollar. Ihr Boss will die Lobbyistin Sloane für einen Waffenhersteller arbeiten lassen. Sie soll ein Gesetz verhindern, das den Verkauf von Waffen an Zivilisten erschweren würde – ein gefährliches Thema in den Vereinigten Staaten. Sloane lacht den Männern ins Gesicht, mehr aus Widerwillen gegen deren Altherrengehabe als aus ethischen Bedenken.

Sloane kündigt und läuft zur Lobby der Waffengegner über. Der aussichtslose Kampf hat ihren Ehrgeiz geweckt. Doch auch ihre integren neuen Kollegen schiebt sie wie Pappfiguren über das Spielfeld ihrer Strategien. Man fühlt deshalb eine Art "Geschieht ihr recht", als Sloane in einen Hinterhalt ihrer missgünstigen früheren Kollegen gerät, die jetzt ihre Gegner sind. So landet sie vor einem Untersuchungsausschuss des Senats, muss sich für ihre parapolitischen Praktiken rechtfertigen – und macht sogar dieses Verfahren zum Testfall ihrer Intrigen.

Wir haben es hier mit einem Archetyp zu tun, dem weiblichen Äquivalent zur übermächtigen Vaterfigur, der allwissenden, mächtigen Frau, der pervertierten Version der fürsorglichen Mutter: Sie sieht alles, weiß alles, sie bestimmt schon über dein Schicksal, bevor du zu Bewusstsein kommst. Und sie rettet dich, bevor du eine Gefahr erkennst – sodass du am Ende nicht mehr genau sagen kannst, ob sie die Gefahr nur inszeniert hat oder ob sie gar selbst eine Bedrohung ist.

Dieser Typus passt in die Zeit des Misstrauens gegen die kapitalistische Demokratie. Miss Sloane, so der Originaltitel, lief in den USA schon 2016 im Kino, in dem Jahr, in dem eine im Politikbetrieb routinierte Frau um die Präsidentschaft kämpfte. Eine, die in der Lage war, viele Millionen Dollar einzuwerben, menschlich aber kalt wirkte. Es war der ideale Moment für schrille Vorwürfe gegen den politischen Bürokratismus. Und für die Annahme, er sei nur eine Fassade, hinter der die Entscheider ihre verkommenen Ziele verbergen. Da gebar die populäre Imagination einen neuen Übermenschen: Miss Sloane, diese gottgleiche oder roboterhafte Frau, deren Intelligenz wie ein kalter Strahl durch alles geht. Die nicht durch Gefühle korrumpierbar ist, das Böse wie das Gute total im Griff hat und sogar das moralische Urteil über sich letztendlich selbst fällen muss, als gäbe es keine Instanz über ihr.

Die Erfindung einer solchen Überfrau ist Misogynie auf hohem Niveau: Sie projiziert irrwitzige Erwartungen in mächtige Frauen, entmenschlicht sie jedoch auf diese Weise und verfolgt sie mit wahnhaftem Verdacht. In der charakteristischen Angst-Lust-Struktur der Paranoia spricht man ihnen jede Fehlbarkeit ab, ist aber gleichzeitig bereit, sich ihnen hündisch unterlegen zu zeigen und sie bei der ersten Gelegenheit zu zerreißen.

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