Eine einfache Geschichte: Ein hässlicher Mann, Alviano Salvago (reich, kunstversessen, Krüppel), verliebt sich in eine schöne Frau, Carlotta Nardi (herzleidend, degeneriert, hier: Video-Künstlerin). Zwei Stigmatisierte also. Sie malt ihn, er macht sich Bilder von ihr. Die sich anbahnende Privatbeziehung könnte die gerade kaputtgegangene Gesellschaftsutopie Alvianos kompensieren helfen: Auf seiner Insel Elysium, die er nunmehr trotzig der Öffentlichkeit zugänglich machen will, war ein Leben um der Schönheit willen geplant. Angewandte Kunst gewissermaßen. Tatsächlich hält sich der örtliche Adel dort Sexsklavinnen und fühlt sich bedroht, wenn der Pöbel auch mal gucken kommt.

Die schöne Carlotta aber verfällt dann doch einem anderen Mann, Tamare (Christopher Maltman), der sich überall nimmt, wonach ihm gerade ist: Menschen, Macht, Momente. "Die Schönheit", gibt er als existenzielle Rechtfertigung an, "sei Beute des Starken." Tragischerweise ist das eine Uralt-Weisheit von Alviano (John Daszak). Die Vergewaltigung begründet Tamare mit einer Formel, die ihn vor jedem heutigen Gericht umgehend ins Gefängnis brächte: "Ihre Lippen baten um Schonung ..., doch ihre Augen flehten um Lust" (der Komponist Franz Schreker war, nicht zu seinem Vorteil, auch sein eigener Librettist). Schließlich ersticht Alviano Tamare, Carlotta stirbt still, Alviano taumelt in den Wahnsinn.

Keine einfache Geschichte: Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten, 1918 in Frankfurt uraufgeführt und in den folgenden Jahren, bis Schreker als "entartet" galt, reichlich nachgespielt, hat mehr doppelte Böden als Akte. Zum einen ist sie vordatiert auf die Zeit der Renaissance in Genua, spielt aber substanziell innerhalb der Wiener Moderne. Unausgesprochen bewegen sich lauter künstlerische und erotische Identitätssucher auf der Bühne, darunter der Komponist Arnold Schönberg (der Franz Schreker nach einem Besuch der Gezeichneten sein sprechendes Bild Hände schenkte), die Maler Gustav Klimt und Oskar Kokoschka und der pädophile Schriftsteller Peter Altenberg. Die meisten hatten Geschlecht und Charakter gelesen, geschrieben vom Psychologen und späteren Selbstmörder Otto Weininger, der die Gesetze der sexuellen Anziehung neu definierte. Und genauso viele hatten Sigmund Freuds Schrift Die "kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität studiert, in der er die Abhängigkeit von Kulturleistung und Triebsublimierung auslotet. Schreker übernahm einiges davon für die Gezeichneten: Sublimierte Sexualität ist, unter anderem, das Problem der Künstlernaturen Alviano und Carlotta.

Eine wirkliche Wiederentdeckung von Franz Schreker, der auch nach dem Zweiten Weltkrieg lange nicht gespielt wurde, hat 1979 an der Frankfurter Oper unter dem Dramaturgen Klaus Zehelein und dem Dirigenten Michael Gielen begonnen. München, das sich gerne rühmt, vorne dran zu sein, ist so gesehen spät dabei, kontert nun allerdings mit dem so subtil wie unverwechselbar arbeitenden polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski, der dort schon seine gedanklich hochfliegende Inszenierung der Frau ohne Schatten von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gezeigt hat. Hofmannsthals mitunter auch leicht verquaste Botschaft, nach der alle Menschen Brüder, Schwestern und Eltern werden sollten, lag Warlikowski allerdings mehr. Schrekers artifiziellen Untergangs-Monomanien hält er weniger einen Ansatz als Assoziationen entgegen.

An einer Szene dieser opulent ins Leere laufenden Produktion in München merkt man das besonders: Das ist, als sich Carlotta und Alviano im zweiten Aufzug fast schon wie Tristan und Isolde zu transzendieren suchen. Sie befinden sich dabei in einem monumentalen Einheitsraum, den Warlikowski, ein Mann des Details, nun aber wieder verkleinert, indem er eine Kleinfamilie im Video auftreten lässt: allesamt mit Mausmasken. Warlikowski mag bekanntermaßen diese Mäuse, hier lässt er sie bügeln und Hausaufgaben machen. Es gibt, soll das vielleicht heißen, auch Entwürfe, die nicht so lebenstotal sind, aber auch nicht so katastrophisch enden müssen. Das müsste dann aber weitergedacht werden. Stattdessen setzt Warlikowski auf neue Assoziationen. So stellt Carlotta (Catherine Naglestad) nach, was Marina Abramović im New Yorker MoMA 720 Stunden lang inszeniert hat: Die Künstlerin ist anwesend – am Tisch und als mal stummer, mal singender Gesprächspartner. Überhaupt sind allerhand Künstler und Künste hier anwesend an diesem leicht überkandidelten Abend. Filme mit den hässlichsten Männern der Welt werden eingespielt: Frankenstein, der Elefantenmensch (David Lynch), Golem. Blutrot und frei nach Mark Rothko (Orange, Red, Yellow) geht die Sonne auf und unter. Frauenkörper, unantastbar, liegen als Schmuckstücke in Vitrinen aus. Und so kunstklischeevoll und so fort.

Was Franz Schreker zu sagen hatte, lebt, einigermaßen noch, vor allem in den großorchestralen Passagen der Musik fort, die der manchmal sehr spätromantisch gestimmte Analytiker Ingo Metzmacher mit einem wachen, sensiblen Bayerischen Staatsorchester als janusköpfige begreift: Pointierte Silberstiftzeichnungen konfrontiert er mit einem Ausdrucksvolumen, das einerseits oft in Richtung sinfonische Dichtung weist, andererseits fortentwickelter Wagnerscher Todestaumel ist, für den man eigentlich einen Drogenschein braucht. Die Besucher der Münchner Opernfestspielpremiere reagierten auf all diesen nötigen und unnötigen Aufwand mit der höchsten Strafe für hübschbunt halblebendig gemachte Hirngespinste von vor hundert Jahren: Es gab Höflichkeitsapplaus.