Eine Standardfloskel der Literaturkritik angesichts langweiliger oder gefühlt irrelevanter Romane lautet: "Dabei ist die Wirklichkeit so aufregend, schildert das doch mal!" Ja, wenn es so einfach wäre. Wenn es so einfach wäre, müsste die Literatur nur alle Probleme der Gegenwart vom religiösen Fundamentalismus über Big Data bis zum Rechtspopulismus abhandeln, und schon würden dem Leser die Augen übergehen vor Relevanz, Dringlichkeit und Welterkenntnis. Wenn es so einfach wäre, dann hätte die Französin Karine Tuil mit Die Zeit der Ruhelosen alles richtig gemacht. Mit leichter Galligkeit könnte man hinzufügen: Und sie hat ja auch, was das mediale Erwartungsmanagement betrifft, alles richtig gemacht, denn es ist ihr gelungen, mit einem Roman, der geradezu lehrbuchhaft vorführt, was Literatur nicht ist, als wichtige Stimme der französischen, nun ja: Gegenwartsdurchleuchtung gefeiert zu werden.

Dabei ist Karine Tuil, Jahrgang 1972, ihr Roman Die Gierigen wird gerade verfilmt, vor allem erst einmal dies: eine aufmerksame Zeitungsleserin. Sie muss in den vergangenen Jahren jeden Tag Zeitung gelesen haben, denn keines der Themen, die dort abgehandelt wurden, fehlt in ihrem Buch. Das Problem ist nur, dass sich diese Themen (und mehr ist es ja nicht) bei ihrem Übergang von der Welt der Nachrichten in die Welt der Literatur überhaupt nicht verändert haben, sie haben ihren alten Aggregatzustand vollständig bewahrt. Und weil wir, die Leser von Karine Tuil, in der Lage sind, selber Zeitung zu lesen und Nachrichten im Fernsehen zu schauen, treffen wir ständig auf alte Bekannte und denken uns bei jedem neuen, brandaktuellen Thema, das die Autorin anschneidet: "Das hat uns gerade noch gefehlt."

Man könnte auch sagen: Karine Tuils Roman gleicht einem Presse-Dossier, das der Beraterstab des Präsidenten der Französischen Republik zusammengestellt hat, damit der Chef sich einen Überblick über die wesentlichen Herausforderungen der Grande Nation verschaffen kann. Blättern auch wir das Dossier einmal schnell durch: Es gibt Unruhen in der Pariser Banlieue, da braut sich was zusammen. Angeheizt werden sie von einem um sich greifenden islamischen Fundamentalismus. Der Laizismus ist schon lange kein Selbstläufer mehr. Gleichzeitig nutzen rechte Populisten die Situation aus, um Islamophobie und damit Rassismus zu schüren.

Themenwechsel: Französische Soldaten kämpfen in Afghanistan, da herrscht ein ganz anderes Gewaltklima als in der pazifizierten Heimat. Viele kehren traumatisiert zurück und finden sich nicht mehr in der alten Normalität zurecht. Anderes großes Problem: Die französische Gesellschaft ist immer noch eine brutale Klassengesellschaft. Die alten Familien geben nach wie vor den Ton an. Wer nicht eine der einschlägigen Eliteuniversitäten besucht hat, gehört nicht zum Club. Daran ändert auch nichts, dass neuerdings selbst im Élysée-Palast ständig von Diversity die Rede ist. Das ist nur Rhetorik, wer eine dunkle Hautfarbe hat, wird dennoch diskriminiert. Die globale Wirtschaftselite hingegen gibt sich zwar liberal und fortschrittlich, aber wenn man genau hinschaut, sind es die alten Chauvis, die in der Welt von Mergers and Acquisitions das Sagen haben. An dieser Stelle meint man schon fast durch zu sein mit dem Dossier, da hat wohl der Experte für Sicherheitsfragen noch ein Blatt zum Top-1-Thema dazugelegt: Die Sicherheitslage im Irak, die Erfolge des IS und sein blutiges Regime. Die Heiligen Krieger nehmen westliche Geiseln, um sie dann vor laufender Kamera mit altertümlichen Schwertern zu enthaupten. Ein Roman der Gegenwart wäre ohne eine entsprechende Szene einfach nicht vollständig.

Karine Tuils Roman ist also ein echtes Gesellschaftspanorama, denn sie hat nichts ausgelassen. Weil ein Roman aber eigentlich nicht von Themen, sondern von Menschen handelt, hat sie sich ein entsprechendes Figurenpersonal zurechtgelegt, das diese Themen mustergültig verkörpert. Es soll ja nicht um abstrakte Gefahrenlagen, sondern um individuelle Lebensgeschichten gehen. So ist Romain Roller ein junger Soldat, der in Afghanistan verheizt wird. Zu Hause in Paris weiß eigentlich keiner, was Krieg bedeutet, aber die Truppe muss an der Front den Kopf hinhalten, ohne dass jemand die politische Verantwortung übernehmen will. In einem Luxushotel auf Zypern sollen sich die Soldaten auf Kosten des französischen Staats vom Kriegsstress erholen. Und weil Romane davon leben, dass die Wege der Figuren sich kreuzen, lernt Romain in diesem Hotel die Journalistin Marion Decker kennen, die über die Traumatisierung der Soldaten eine Reportage schreiben möchte. Aus der Recherche wird Liebe. Problem Nummer eins: Was die beiden, die aus völlig verschiedenen sozialen Milieus kommen (Marion hat gerade über ihre schwierige Elternbeziehung einen empfindsam-wütenden Roman geschrieben), aneinander finden, weiß nur der Teufel – die Autorin jedenfalls verrät es nicht, sie hält bloß wiederholt fest, dass die beiden es kaum aushalten können, bald wieder miteinander zu schlafen.

Problem Nummer zwei: Die sehr aparte Marion ist (wie es sich für eine Frau dieser Preisklasse gehört) verheiratet mit François Vély, einem Wirtschaftsmagnaten, der seinerseits kurz vor dem Abschluss eines großen Deals mit einem amerikanischen Telekommunikationsunternehmen steht. In dieser heiklen Situation unterläuft ihm ein Fauxpas: François lässt sich für die Fotostrecke eines Hochglanzmagazins auf einem Kunstwerk, einer Skulptur, sitzend abbilden. Das Kunstwerk stellt eine nackte schwarze Frau dar, die ihre Knie bis zu ihren Schultern hochgezogen hat, sodass sich über ihrem Geschlecht eine Sitzgelegenheit auftut. Irgendwie war François nicht aufgefallen, dass das nicht gut kommt, wenn ein weißer reicher Mann auf einem Kunstwerk Platz nimmt, das eine nackte schwarze Frau darstellt.