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Es hat eine gewisse Ironie, dass die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften am vergangenen Freitag als "Ehe für alle" gefeiert wurde. Denn erstens klingt diese Bezeichnung fast wie eine Drohung für (bislang) Unverheiratete. Und zweitens gibt es in Deutschland schon seit Langem maximal noch eine "Ehe für manche". Gehen Sie einfach mal in einer Großstadt auf den Spielplatz, und kommen Sie mit den Eltern kleiner Kinder ins Gespräch. Sie werden staunen, wie viele nicht verheiratet sind. Jedes dritte Kind, das heute geboren wird, ist unehelich. Beim Erstgeborenen sind sogar 44 Prozent der Eltern (noch) nicht verheiratet, in Ostdeutschland sind es 71 Prozent.

Die Institution Ehe, sie hat schon bessere Zeiten erlebt. Man könnte auch sagen: Die Bedeutung der Ehe entwickelt sich umgekehrt proportional zum stetig zunehmenden Pomp der Hochzeitsfeste.

Das kann man bedauern. Schließlich ist die Ehe eine wunderbare Einrichtung; ein Zeichen der Liebe und der Bereitschaft, füreinander einzustehen. Zuallererst aber muss man es zur Kenntnis nehmen – und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Die wichtigste lautet: Schafft das Ehegattensplitting ab!

Dabei handelt es sich um die Steuervergünstigung, die zwei Menschen bekommen, die sich das Jawort geben. Die Abschaffung des Splittings ist aus drei Gründen dringend notwendig. Der wichtigste hat mit den unverheirateten Paaren zu tun, die Sie auf dem Spielplatz um die Ecke treffen. Denn ursprünglich wurde die Ehe vorrangig deshalb geschützt, weil aus ihr Kinder hervorgehen. Schließlich kostet deren Versorgung Kraft, Zeit und Geld, weshalb die Eltern Entlastung brauchen. Es war jahrhundertelang sinnvoll, das über die Ehe zu regeln, da die allermeisten Eltern verheiratet waren. Nun ist das aber nicht mehr der Fall. Viele Familien funktionieren ohne Ehe, und viele Ehen (in Deutschland mehr als die Hälfte!) sind kinderlos. Deshalb ergibt diese Herangehensweise schlicht keinen Sinn mehr. Die Steuerermäßigung kommt vielen zugute, für die sie nie gedacht war. Zu vielen. Besser wäre es, die Steuer so zu gestalten, dass Eltern profitieren. Ob verheiratet oder nicht. Das würde auch denjenigen helfen, die gar nicht heiraten können, weil sie ohne Partner sind: den Alleinerziehenden.

Doch selbst wenn man das nicht gelten lässt, wenn man der Überzeugung ist, dass auch die Ehe an sich – ob mit oder ohne Kinder – steuerlich gefördert werden sollte, ist das Ehegattensplitting ein reichlich seltsames Konzept dafür. Es setzt Anreize, die nicht mehr zeitgemäß sind, weil es einseitig die Einverdiener-Ehe begünstigt.

Das erkennt man, wenn man sich zwei Beispiele vor Augen führt. Heiratet eine Frau, die rund 100.000 Euro im Jahr verdient, einen Mann, der keinen Job hat, muss sie in Folge mehr als 8.000 Euro weniger Steuern jährlich zahlen als zuvor. Verdient sie hingegen 60.000 Euro im Jahr und heiratet einen Mann, der 40.000 Euro verdient, dann bringt die Hochzeit viel weniger: Die beiden sparen künftig nur rund 400 Euro Steuern durch die Hochzeit. Heiraten lohnt sich für sie kaum. Verdienen sie genau gleich viel, dann bringt die Ehe finanziell sogar gar nichts.

Ganz anders als seine Verteidiger behaupten, schützt das Ehegattensplitting also keinesfalls die Ehe an sich, sondern nur manche Ehen. Die Einverdiener-Ehe profitiert, die Doppelverdiener-Ehe nicht. Das mag in den fünfziger Jahren seinen Sinn gehabt haben, weil damals die meisten Frauen daheim blieben, sobald sie Kinder hatten. Im Jahr 2017 ist es bizarr.

Zumal das Ehegattensplitting auch im Jahr 2017 noch die Frauen vom Arbeiten abhält. Jeder kennt einen Fall aus dem Bekanntenkreis. Die Frau möchte nach einer Pause für die Kinder wieder arbeiten gehen. Dann setzt sie sich mit ihrem Mann hin und rechnet – und stellt fest: Es lohnt sich nicht. Denn das, was das Paar künftig nach Steuern mehr hat, deckt gerade einmal die Kinderbetreuungskosten. Das kann man toll finden, wenn man das Familienmodell der fünfziger Jahre zurückwill. Für Paare von heute ist es eine Zumutung.

Die Politik hat alles richtig gemacht, als sie die Ehe auch für Schwule und Lesben geöffnet hat. Jetzt sollte sie den logischen nächsten Schritt gehen, das Ehegattensplitting abschaffen und stattdessen die Familien direkt begünstigen. Seit Ewigkeiten versprechen Parteien jeglicher Richtung dies in ihren Wahlprogrammen. Jetzt ist es Zeit.

Das hätte noch einen angenehmen Nebeneffekt. Ehen würden nicht mehr aus finanziellen Gründen geschlossen. Sondern vor allem aus Liebe. All you need is love. LISA NIENHAUS