Die Idee ist die eines Schleudersitzes: Wenn alles gegen die Wand fährt, gibt es immer noch den Notknopf. Er katapultiert einen aus der Misere, in diesem Fall durch Geldscheine aus einem Bankautomaten. Wenn der neue Chef ein Arschloch ist und der Job schon lange eine Zumutung, wenn man den Mann mit einer anderen auf dem Esszimmertisch erwischt oder sich selbst bei dem Gedanken, seinen Anblick nicht länger zu ertragen, dann gibt es die finanzielle Sofortselbsthilfe. Heute, das lernt man jetzt in amerikanischen und deutschen feministischen Blogs, sollte jede Frau ein "Fuck-off-Konto" besitzen.

"Manchmal klappt es nicht im Leben", schreibt eine der Bloggerinnen im Webmagazin Edition F. "Dann ist es schön, wenn einen jemand aus dem Schlamassel rauszieht. Noch schöner ist es, wenn man das selbst kann." Der Schleudersitz bin ich!, dieses Versprechen sollen Frauen sich selbst geben.

In weiser Voraussicht über die Jahre hinweg geparktes Geld, seien es Tausende oder gar Zehntausende Euro, ermöglicht die nötige Radikalität: raus aus dem Job, raus aus der Wohnung, Flucht ins Hotel, nach Buenos Aires oder auf die Bahamas, Weltreise oder ein Jahr ohne Arbeit, um wieder auf die Füße zu kommen.

Im Aktienhändler-Jargon wird der Begriff Fuck-you-Money schon lange als Ausdruck für das Geld benutzt, das man sich eines Tages verdient hat, um dem Chef den Mittelfinger zeigen und sich absetzen zu können. Nun hat er die weibliche Erwerbsbiografie erreicht. In der, selbst wenn alles glattläuft, das Konto als Garant für "ein gutes Gefühl" unabdingbar sei. "Erste-Hilfe-Konto" oder "Konto für meine Unabhängigkeit", so könne man das Geld auch nennen, schreibt die Bloggerin von Edition F.

Ist das nicht traurig? Eine Freiheit, die nur mit Geld zu kaufen ist? Eine Versicherung mehr, neben all den anderen, um sich schon im Glück gegen das Unglück zu wappnen? Wie groß muss die Lebensangst sein, wie gering das Vertrauen in die eigene Beziehung und all die anderen Rettungsanker, den Sozialstaat, die Familie, beste Freunde?

Gegen Unglück kann man sich nicht versichern. Das Fuck-off-Konto ist keine Präventivmaßnahme gegen Schaden, sondern gegen Ohnmacht. Das Paralysiertsein kann plötzlich kommen oder sich langsam einschleichen. Bis man festsitzt in einem Alltag aus Sachzwängen und Abhängigkeiten, ohne die Aussicht auf einen Punkt, an dem man abspringen kann.

Dass Frauen besonders gut darin sind, sich in solche Lagen zu bringen, belegt seit Jahren jede Statistik. Zum Beispiel der aktuelle Gleichstellungsbericht der Bundesregierung: Frauen beziehen immer noch weit weniger Gehalt als Männer, im Alter bekommen sie nur knapp die Hälfte der Rente. Obwohl sie gut ausgebildet sind, mehr arbeiten, sich um den Haushalt kümmern, die Kinder betreuen und Angehörige pflegen.

Man kann es gar nicht mehr hören: Ehegattensplitting. Familienunfreundliche Arbeitszeiten. Unsichtbare Väter. Kontrollsüchtige Mütter. Minijobs. Gemeinsame Versicherungen. Hauskredite. – FUCK OFF!!!

Warum sind so wenige Frauen in der Lage, an sich selbst und ihr Geld zu denken? Vor allem, nachdem sie geheiratet und Kinder gekriegt haben? Aus Romantik, Naivität oder fataler Selbstlosigkeit vertrauen sie immer noch darauf, dass bei ihnen alles gut geht oder im Notfall andere, das heißt ihre Männer, sie versorgen werden. Ein Mann ist keine Altersvorsorge, so nannte die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt ihr zuletzt erschienenes Buch. Nichts anderes steckt hinter der Idee dieses Kontos.

Fuck off – das ersetzt zwar keine Rente. Aber es ist eine Erinnerung daran, sich selbst nicht zu vergessen. Und, dass der Mittelfinger einem dabei manchmal helfen kann.