Aydin Karagöz erinnert sich gut an den Tag, an dem der Staat sein Leben zerstörte. Er saß mit Freunden im Café, als sein Chef ihn anrief und bat, sofort ins Büro zu kommen. Karagöz ist Arzt. Am Samstag, dem 16. Juli 2016, um 14 Uhr traf er im Krankenhaus einer Stadt unweit von Istanbul ein. Als er die Empfangshalle betrat, hatte die Betriebsversammlung schon angefangen. Vorn auf einem Podest stand nicht sein Chef, sondern ein staatlicher Treuhänder.

Der Mann erklärte, dass das private Krankenhaus ab sofort unter staatliche Kontrolle gestellt sei. Begründung: Das Krankenhaus habe den Putsch gegen die Regierung von Präsident Erdoğan unterstützt. Der Treuhänder informierte die Belegschaft, die neue Geschäftsleitung habe sie alle entlassen. Sie hätten keinen Anspruch auf Abfindung, es gebe kein Recht auf Widerspruch, sie dürften ihre Büros nicht mehr betreten. Polizisten marschierten in das Gebäude und begannen, die Patienten aus den Betten zu werfen und die Krankenschwestern aus den Stationen zu scheuchen. Alle sollten gehen.

Als Aydin Karagöz am Samstagabend im Bus nach Haus saß, hatte der Staat ihm seinen festen Job in einem Privatunternehmen und seine finanzielle Existenz genommen. Bis heute fühlt sich Karagöz vom Staat bedroht, deshalb möchte er nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen. Und tatsächlich sollte es noch viel schlimmer kommen.

Die Türkei testet in diesen Tagen, wie weit der Staat gegenüber den Bürgern gehen kann, ohne dass sie aufbegehren. Der Erdoğan-Staat ist eine radikale Form öffentlichen Eingreifens. Andernorts tritt der Etatismus viel milder auf. Es ist wieder in Mode geraten, dass der Staat die Wirtschaft und die Gesellschaft regelt, repariert oder erdrückt.

Der FDP-Chef Christian Lindner hat neulich die Verhältnisse im heutigen Deutschland als "maßlosen Etatismus" bezeichnet. Er weiß offenbar nicht, wovon er spricht. In vielen Ländern ist Etatismus eine Normalität, die man sich hier kaum vorstellen kann. Der russische Wissenschaftler Jewgeni Trofimow schrieb schon 2011, dass in Russland Paternalismus in Gestalt des Etatismus herrsche. In einem solchen System, meint Trofimow, formulierten nicht etwa die Bürger ihre Bedürfnisse, sondern der Staat formuliert die Bedürfnisse der Bürger.

Wann aber wird der Eingriff zum Würgegriff? Wenn Frauen der Zugang zu 456 Berufen verboten wird? Wenn es ihnen per Gesetz untersagt wird, Stahl zu gießen? Wenn der Staat 1,6 Millionen Russen verbietet, das Land zu verlassen, weil sie verschuldet sind? Wenn er obszönes Fluchen daheim unter Strafe stellen will, wie es ein neuer Gesetzentwurf vorsieht?

Für Olga Obrastsowa war die Schmerzgrenze erreicht, als der Staat ins Herz ihrer Privatsphäre eindrang: Er wollte ihr die Wohnung nehmen. Aus der Zeitung erfuhr sie Anfang Mai, dass die Stadt Moskau ihre Wohnung unter den 4.546 Häusern aufgelistet hat, die abgerissen werden sollen. Der russische Staat hält es für das Bedürfnis des Bürgers, unbedingt in einen Neubau umzuziehen. Obrastsowa ging zum ersten Mal in ihrem Leben demonstrieren.