Am Ende seiner Reisen ist Lemuel Gulliver an der Menschheit verzweifelt. Auf Liliput ist er kleingeistigen, kriegslustigen Zwergen begegnet. In Brobdingnag ist er auf ein Volk von einfältigen, unzivilisierten Riesen gestoßen. Die Menschen auf der fliegenden Insel Laputa sind zwar gebildet, aber dabei dermaßen verschroben, dass sie kaum miteinander kommunizieren können, und in Houyhnhnm-Land wohnen sprechende Pferde im Einklang mit der Natur. Allerdings sind sie fremdenfeindlich und schieben Gulliver ab.

Als Gullivers Reisen 1726 in London erscheint, wird es als literarische Sensation gefeiert. 300 Jahre später gilt das Buch von Jonathan Swift als erster Science-Fiction-Roman der Literaturgeschichte. Ein Klassiker. Allerdings ging es Swift gar nicht so sehr darum, seine Leser zu unterhalten. Viel wichtiger war dem Pastor aus Dublin die politische Botschaft. Ein neues Zeitalter war angebrochen. Die Ideen der Aufklärung verbreiteten sich in ganz Europa und mit ihnen eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung, die nach Swifts Überzeugung nur im Chaos enden konnte.

Die Philosophie der Aufklärung geht von zwei Thesen aus. Erstens: Der Mensch ist ein vernünftiges Wesen. Unser Handeln wird von rationalen Entscheidungen bestimmt. Zweitens: Persönliche Freiheit ist ein angeborenes und unveräußerliches Menschenrecht. Für Swift und seine Zeitgenossen ergab sich daraus, dass sie die Normen der gesellschaftlichen Ordnung für sich selbst bestimmen können, statt den Gesetzen der Kirche und der Monarchie zu folgen. Nach welchen Regeln diese neue Art der Gesellschaft entsteht, beschrieb der englische Philosoph Thomas Hobbes schon Mitte des 17. Jahrhunderts. Hobbes geht davon aus, dass sich der Mensch instinktiv gegen jede Einschränkung seiner persönlichen Freiheit verteidigt. Daraus ergibt sich ein dauerhafter Kriegszustand, in dem jeder auf die Wahrung der eigenen Interessen bedacht ist. Um friedlich zusammenzuleben, muss deswegen jeder Einzelne sein Recht auf Freiheit in eigener Entscheidung an den Staat abtreten, der die Freiheit verteidigt und gesellschaftliche Normen durchsetzt.

Hier entstanden die Grundbegriffe der freiheitlich demokratischen Ordnung. Die Gedanken der Aufklärung wurden zur Triebfeder der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution. Auf der Basis entstanden die drei großen politischen Ideologien – Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus – und all ihre Sonderformen.

"Gullivers Reisen" als Menetekel: Wie gute Ideen vom Staat zu schlechter Praxis wurden

Wäre es nach Jonathan Swift gegangen, er hätte die Entstehung der modernen Welt im Keim erstickt. Trotzdem verdient Gullivers Reisen den Klassikerstatus auch als politisches Pamphlet, denn die satirische Analyse der menschlichen Natur ist zugleich ein Blick in die Zukunft der westlichen Zivilisation. Auf jeder Etappe beschreibt Swift die Grundzüge einer der Staatsformen, die im Laufe der letzten 300 Jahre aus der Aufklärung entstanden sind. Letztendlich geht es dabei immer um dieselben Fragen: Was ist persönliche Freiheit, und wer verteidigt sie?

Der starke Staat, lautet heute wieder verstärkt die Antwort. Der Etatismus ist auf dem Vormarsch. So fordert der Chef der britischen Labourpartei Jeremy Corbyn, die Energieversorger und die Bahn zu verstaatlichen. Selbst im Mutterland des Liberalismus gilt das nicht mehr als reaktionär. Doch der neue Etatismus kommt mehr noch von rechts als von links. Populisten in Polen, Tschechien und Ungarn weigern sich, Flüchtlinge aus anderen EU-Ländern aufzunehmen, beschwören den starken Staat als Schutzschild gegen politischen Druck aus Brüssel.