Wenn der Wind günstig steht und das Meer ruhig ist, versuchen derzeit bis zu 12.000 Menschen pro Woche, von der Küste Libyens aus nach Europa zu kommen – auf billigen Schlauchbooten aus China oder auf Holzkähnen mit aufgeschraubtem Motor. Die allermeisten von ihnen kommen nicht weit. In diesem Jahr sind schon mehr als 2.000 Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, Italien zu erreichen. Es wären noch sehr viel mehr, wenn dort nicht Rettungsschiffe patrouillieren würden, oft betrieben von privaten Hilfsorganisationen. Diese Organisationen bringen inzwischen so viele Flüchtlinge nach Italien, dass das Land sich nun weigern will, private Schiffe an seinen Häfen anlegen zu lassen.

Die "Sea-Eye" ist ein solches Rettungsschiff. Gegründet wurde der gleichnamige Verein auf der Höhe der Flüchtlingskrise 2015 durch den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen im Mittelmeer aus Seenot zu retten – mithilfe von Freiwilligen, finanziert durch private Spenden.

Wir wollten wissen, was das für Leute sind, die da Geld, Urlaub und Kraft opfern, um Flüchtlingen zu helfen. Und ob der schwere Vorwurf zutrifft, den europäische Behörden gegen sie erheben: Sie betrieben das Geschäft der Schlepper, die ihren Kunden immer schlechtere Boote verkauften, im Vertrauen darauf, dass rechtzeitig ein Rettungsschiff zur Stelle sein werde. Am 6. Juni hat unsere Reporterin Mariam Lau an Bord der "Sea-Eye" angeheuert, für eine zweiwöchige Mission an die Küste vor Libyen – mitten hinein ins "Theater", wie der Kapitän der "Sea-Eye" es nennt.

Tag 1

Wir sind einander alle fremd, die neue Crew der Sea-Eye-Mission Nummer 7. Neun Leute, sieben Männer und zwei Frauen, alle aus Deutschland. Für zwei Wochen werden wir nun eine winzige Kajüte miteinander teilen. Treffpunkt ist der Hafen von Malta. Gunter Körtel, der Kapitän, hatte vor unserer ersten Zusammenkunft in einer Mail drei Wünsche geäußert: dass aus der Crew ein Team werde; dass alle heil zurückkehrten. Und: "Was zwischen dem 6. und dem 19. Juni passiert, wird uns verändern. Deshalb werden wir aufeinander aufpassen."

Jonas, 31, stellt sich als Erster vor. "Ich komm mehr so aus der linken Ecke. Ich will, dass wir in den nächsten zwei Wochen so viel wie möglich Gutes tun", sagt er mit funkelnden Blicken. Er trägt einen Nasenring und einen Hipsterbart, den er im Lauf der Reise abrasieren wird. Sein rechtes Bein ist von oben bis unten in leuchtenden Farben tätowiert, am Oberschenkel ein buntes, ländliches Szenario, an der Wade der Weltuntergang in düsteren Farben. Er habe seit Monaten keinen festen Wohnsitz, sagt er: "Ich kann den Arsch einfach nicht still halten." Jonas ist Veganer und hat früher in der militanten Tierschutzorganisation Animal Liberation Front gekämpft, im Saarland Hochsitze umgesägt. G20-Gipfel sind Höhepunkte in seinem Kalender. Sein Leben finanziert er mit "Erlebnispädagogik", vor allem mit Jugendlichen: Klettern, Axtwerfen, Lagerfeuer, Überlebenstraining. Er fährt aber auch als Sanitäter in Mülheim an der Ruhr einen Rettungswagen der Johanniter. Und schon bald werden wir alle diesen Jonas sehr zu schätzen wissen.

Die Sea-Eye ist ein grün gestrichener Fischkutter aus der DDR, Baujahr 1958. Auch die Toilettenspülung ist wahrscheinlich von 1958. Das Schiff ist 26 Meter lang, sechs Meter breit – eine Jolle, die auch bei winzigen Wellen große Wirkung in der Magengegend erzeugt. Kaum sind wir aus dem Hafen ausgelaufen, ist es mit der Contenance vorbei. Die Wellen rücken wie feindliche Heerscharen heran und werfen das Schiff und seine Crew von einer Seite zur anderen. Man liegt dann als Leichtmatrose so gelblich herum. Dass kurz zuvor an Land noch Vorbereitungen für den Einsatz im "Search-and-Rescue-Gebiet" stattfanden – zum Beispiel: "So klingt der Alarm für 'Mann über Bord'" oder: "Hier sind die Leichensäcke" –, macht die Sache nicht besser.

© ZEIT-Grafik

Moritz, 37, ist gelernter Erziehungswirt, trägt ein Piercing an der Lippe, eine schnittige Sonnenbrille und könnte mit seinen Muskel-Tattoos und Armbändern locker in Fluch der Karibik auftreten. Hat mir aber leise und aufmerksam einen Ingwertee in die Koje gestellt, als es hart auf hart kam.

Moritz ist schon zum zweiten Mal als Maschinist an Bord. Er zeigt uns sein stampfendes Reich im dunklen Schiffsbauch, in dem wir nachts alle zwei Stunden nach dem Rechten sehen sollen, Öl auftragen, Hebel umlegen, nach dem Wasserstand in der Bilge sehen, dem tiefsten Punkt des Schiffes. Ein bisschen Wasser ist da immer. Es darf halt nicht zu viel werden. Moritz sagt, er sei, was die Mechanik angeht, "Autodidakt". Wir nicken alle zustimmend, als er die Hoffnung ausspricht, es möge unterwegs nichts Lebenswichtiges ausfallen.

Mittelmeer - Ertrunkene Flüchtlinge vor Libyen gefunden Vor der Küste Libyens sind die Leichen mehrerer ertrunkener Flüchtlinge an den Strand gespült worden. Bereits seit Tagen sind Mitarbeiter des Internationalen Roten Halbmonds mit der Bergung beschäftigt. © Foto: Mahmud Turkia/Getty Images