Wenn der Wind günstig steht und das Meer ruhig ist, versuchen derzeit bis zu 12.000 Menschen pro Woche, von der Küste Libyens aus nach Europa zu kommen – auf billigen Schlauchbooten aus China oder auf Holzkähnen mit aufgeschraubtem Motor. Die allermeisten von ihnen kommen nicht weit. In diesem Jahr sind schon mehr als 2.000 Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, Italien zu erreichen. Es wären noch sehr viel mehr, wenn dort nicht Rettungsschiffe patrouillieren würden, oft betrieben von privaten Hilfsorganisationen. Diese Organisationen bringen inzwischen so viele Flüchtlinge nach Italien, dass das Land sich nun weigern will, private Schiffe an seinen Häfen anlegen zu lassen.

Die "Sea-Eye" ist ein solches Rettungsschiff. Gegründet wurde der gleichnamige Verein auf der Höhe der Flüchtlingskrise 2015 durch den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen im Mittelmeer aus Seenot zu retten – mithilfe von Freiwilligen, finanziert durch private Spenden.

Wir wollten wissen, was das für Leute sind, die da Geld, Urlaub und Kraft opfern, um Flüchtlingen zu helfen. Und ob der schwere Vorwurf zutrifft, den europäische Behörden gegen sie erheben: Sie betrieben das Geschäft der Schlepper, die ihren Kunden immer schlechtere Boote verkauften, im Vertrauen darauf, dass rechtzeitig ein Rettungsschiff zur Stelle sein werde. Am 6. Juni hat unsere Reporterin Mariam Lau an Bord der "Sea-Eye" angeheuert, für eine zweiwöchige Mission an die Küste vor Libyen – mitten hinein ins "Theater", wie der Kapitän der "Sea-Eye" es nennt.

Tag 1

Wir sind einander alle fremd, die neue Crew der Sea-Eye-Mission Nummer 7. Neun Leute, sieben Männer und zwei Frauen, alle aus Deutschland. Für zwei Wochen werden wir nun eine winzige Kajüte miteinander teilen. Treffpunkt ist der Hafen von Malta. Gunter Körtel, der Kapitän, hatte vor unserer ersten Zusammenkunft in einer Mail drei Wünsche geäußert: dass aus der Crew ein Team werde; dass alle heil zurückkehrten. Und: "Was zwischen dem 6. und dem 19. Juni passiert, wird uns verändern. Deshalb werden wir aufeinander aufpassen."

Jonas, 31, stellt sich als Erster vor. "Ich komm mehr so aus der linken Ecke. Ich will, dass wir in den nächsten zwei Wochen so viel wie möglich Gutes tun", sagt er mit funkelnden Blicken. Er trägt einen Nasenring und einen Hipsterbart, den er im Lauf der Reise abrasieren wird. Sein rechtes Bein ist von oben bis unten in leuchtenden Farben tätowiert, am Oberschenkel ein buntes, ländliches Szenario, an der Wade der Weltuntergang in düsteren Farben. Er habe seit Monaten keinen festen Wohnsitz, sagt er: "Ich kann den Arsch einfach nicht still halten." Jonas ist Veganer und hat früher in der militanten Tierschutzorganisation Animal Liberation Front gekämpft, im Saarland Hochsitze umgesägt. G20-Gipfel sind Höhepunkte in seinem Kalender. Sein Leben finanziert er mit "Erlebnispädagogik", vor allem mit Jugendlichen: Klettern, Axtwerfen, Lagerfeuer, Überlebenstraining. Er fährt aber auch als Sanitäter in Mülheim an der Ruhr einen Rettungswagen der Johanniter. Und schon bald werden wir alle diesen Jonas sehr zu schätzen wissen.

Die Sea-Eye ist ein grün gestrichener Fischkutter aus der DDR, Baujahr 1958. Auch die Toilettenspülung ist wahrscheinlich von 1958. Das Schiff ist 26 Meter lang, sechs Meter breit – eine Jolle, die auch bei winzigen Wellen große Wirkung in der Magengegend erzeugt. Kaum sind wir aus dem Hafen ausgelaufen, ist es mit der Contenance vorbei. Die Wellen rücken wie feindliche Heerscharen heran und werfen das Schiff und seine Crew von einer Seite zur anderen. Man liegt dann als Leichtmatrose so gelblich herum. Dass kurz zuvor an Land noch Vorbereitungen für den Einsatz im "Search-and-Rescue-Gebiet" stattfanden – zum Beispiel: "So klingt der Alarm für 'Mann über Bord'" oder: "Hier sind die Leichensäcke" –, macht die Sache nicht besser.

© ZEIT-Grafik

Moritz, 37, ist gelernter Erziehungswirt, trägt ein Piercing an der Lippe, eine schnittige Sonnenbrille und könnte mit seinen Muskel-Tattoos und Armbändern locker in Fluch der Karibik auftreten. Hat mir aber leise und aufmerksam einen Ingwertee in die Koje gestellt, als es hart auf hart kam.

Moritz ist schon zum zweiten Mal als Maschinist an Bord. Er zeigt uns sein stampfendes Reich im dunklen Schiffsbauch, in dem wir nachts alle zwei Stunden nach dem Rechten sehen sollen, Öl auftragen, Hebel umlegen, nach dem Wasserstand in der Bilge sehen, dem tiefsten Punkt des Schiffes. Ein bisschen Wasser ist da immer. Es darf halt nicht zu viel werden. Moritz sagt, er sei, was die Mechanik angeht, "Autodidakt". Wir nicken alle zustimmend, als er die Hoffnung ausspricht, es möge unterwegs nichts Lebenswichtiges ausfallen.

Mittelmeer - Ertrunkene Flüchtlinge vor Libyen gefunden Vor der Küste Libyens sind die Leichen mehrerer ertrunkener Flüchtlinge an den Strand gespült worden. Bereits seit Tagen sind Mitarbeiter des Internationalen Roten Halbmonds mit der Bergung beschäftigt. © Foto: Mahmud Turkia/Getty Images

Zu sehen ist nichts als Meer

Marco, 32, ist klein, kräftig und sehr wendig. 2015 hat er wochenlang in Kobane in Syrien ein Krankenhaus mit aufgebaut. "Stahl- und Blecharbeiten", sagt er. Für den Einsatz auf der Sea-Eye hat er sich Urlaub genommen von seiner Stelle in einer Kita. Während der Fahrt gelingen ihm immer wieder Einzeiler, die an Bord zu geflügelten Worten werden. Zum Beispiel: "Das ist eben die Scheiße an der Scheiße."

Alle drei, Marco, Jonas und Moritz, sind Mitglieder der Roten Hilfe. Die Organisation unterstützt linke Aktivisten, wenn sie, wie Marco höflich sagt, "mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind". Es waren meist Antifa-Demos gegen Nazis, bei denen die drei durch Vermummung, Widerstand gegen die Staatsgewalt oder Steinewerfen aufgefallen sind. Die Rote Hilfe übernahm die Prozesskosten.

Tag 2

Zu sehen ist nichts als Meer. An Bord wird ein Dienstplan erstellt. Im Drei- oder Vier-Stunden-Rhythmus müssen immer zwei Leute auf der Brücke stehen, vor allem nachts, und Ausschau halten. Aufpassen, dass der andere nicht einschläft. Radarbildschirme überwachen, den Autopiloten, ein Schiffsortungssystem und natürlich die Funkanlage. Es gibt nur ein Satellitentelefon an Bord, kein WLAN, keine Verbindung zur Außenwelt. Zwei Wochen ohne E-Mails und SMS.

Martin, 37, und Bente, 35, freie Fotografin, sind Greenpeace-Veteranen, die dort auch das Bootfahren gelernt haben. Rainbow-Warriors, schon als Teenager. Martin, beruflich bei der Post, redet nicht viel. Mit seinen kurzen Hosen und dem glucksenden Lachen wirkt er manchmal wie ein großes Kind. Aber er ist es, von dem alle im Laufe der Fahrt immer wieder sagen werden: "Solange Martin dabei ist, habe ich keine Angst."

Martin ist ein Veteran der Sea-Eye-Missionen. Er hat schon Geburten an Bord erlebt und Tote geborgen. Er weiß, wo die Netzlast ist und warum man ein Flüchtlingsboot nicht von der Seite anfahren darf (weil dann die Insassen in Panik aufstehen und das Boot zum Kentern bringen). Martin kann sehr laut werden, wenn jemand das Seil der tonnenschweren Tür nicht richtig vertäut, die in die Reling eingelassen ist und über die man auf hoher See von außen auf das Schiff kommt.

Auf Befehle oder Funksprüche muss immer mit einer Wiederholung reagiert werden, etwa: "Achterleine belegen!" – "Achterleine belegt!" Wenn nicht alles täuscht, bereiten die Anklänge an das Militärische auch den Linksalternativen heimlich Vergnügen. Martins Stunde schlägt, wenn das kleine Schnellboot, das auf dem Vorderdeck liegt, zu Wasser gelassen wird und Kurs auf ein Flüchtlingsboot nimmt. Am fünften Tag ist es so weit.

Tag 5

Von Weitem sieht man einen weiß-grauen, lang gezogenen Fleck am Horizont. Beim Näherkommen erweist er sich als eines dieser chinesischen Schlauchboote, die man bei der Plattform Alibaba.com ganz offiziell als "Flüchtlingsboot" bestellen kann. Die Boote sind neun Meter lang, aus hauchdünner Plane und eigentlich nur für 30 bis 60 Menschen gedacht. Sie kosten 350 Euro pro Stück. Auf diesem hier sitzen mindestens 120, vielleicht sogar 150 Menschen. Jeder von ihnen hat um die 1.000 Euro für die Überfahrt bezahlt. Um zu vermeiden, dass das Boot unter der großen Last in der Mitte zu sehr einsinkt, haben die Schlepper Holzplanken hineingelegt. Die Nägel, mit denen die Planken zusammengehalten werden, ragen zehn Zentimeter weit aus dem Holz. Manchmal stecken sie den Flüchtlingen im Fuß, reißen ihnen die Haut auf, verletzen die Kinder.

Das Boot verliert Luft. Jetzt muss alles sehr schnell gehen. An Deck wird das Rettungsboot, die Charlotti II, ins Wasser herabgekrant. Martin, Marco, Jonas und Bente brechen mit zwei Säcken voller Schwimmwesten auf. Sie fahren von hinten an das Boot heran, aus dem sich ihnen schon die Arme entgegenrecken. Normalerweise versorgt die Crew der Sea-Eye die Menschen mit dem Nötigsten und benachrichtigt ein größeres Rettungsschiff. Nur im Notfall nehmen sie selbst Flüchtlinge an Bord, aber im Moment ist ständig Notfall.

"Frauen und Kinder zuerst"

Verhaltensregel Nummer eins: Ein "Kommunikator", Jonas, sucht und findet den "Chef", den jedes Flüchtlingsboot hat. Der Chef spricht Englisch, nur mit ihm wird kommuniziert. Er muss den anderen klarmachen, dass die Rettungswesten zuallererst nach hinten durchgegeben werden. Dass alle ruhig bleiben. Dass keiner aufsteht und das Boot zum Kentern bringt. Und dass wir nicht die Polizei sind.

"Frauen und Kinder zuerst", mit dieser Maxime geht es los. Gruppen von etwa acht bis zehn Flüchtlingen werden mit der Charlotti II an Bord der Sea-Eye gebracht. Zwei Leute von der Crew stehen an der geöffneten Tür an der Reling und ziehen die Erschöpften an Bord: gerettet.

Die acht Frauen, die zuerst kommen, fallen uns praktisch in die Arme. Eine fühlt sich auch durch den Stoff ihrer Wolljacke so kalt an wie eine Tote. Sie lächeln nicht, sie reden nicht, sie schleifen einander mit letzter Kraft in die Ecke neben der kleinen Krankenstation, die wir ihnen zuweisen.

Aus einer Kammer holen wir Sixpacks mit Wasser und Müsliriegel, dann die goldenen Isodecken Aber zuerst wollen die meisten duschen. Mindestens acht Stunden, oft aber Tage und Nächte haben sie in der Mitte der Boote verbracht, dort, wo sich Benzin, Urin und Kot zu einem säurehaltigen Gemisch vermengen, das manchen von ihnen den Unterleib verätzt. Die Kinder, die sie mitschleppen, sind oft auf der Flucht entstanden, in den Monaten und Jahren, die sie – aus Nigeria, Gambia, Mali oder Burkina Faso stammend – in libyschen Lagern verbracht haben. Als ich eine Jüngere von ihnen frage, wie sie sich zuletzt durchgeschlagen hat, verzieht sie bei dem Wort "Libya" das Gesicht zu einer Grimasse und schließt die Augen. Manche Kinder sind nach Vergewaltigungen entstanden, manche Frauen haben mit Sex für einen Platz im Boot bezahlt.

Und trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie kommt eine Mutter dazu, mit einem Baby eine so gefährliche und strapaziöse Fahrt zu unternehmen? Die Frauen, halb weggedämmert, heben müde die Schultern, antworten nicht. Nach zehn Minuten schlafen sie, als wollten sie nie wieder aufwachen.

Die insgesamt 132 Leute, die wir aufgenommen haben, nimmt uns am Abend ein größeres Rettungsschiff ab und bringt sie nach Italien.

Etwa zehn private Hilfsorganisationen, die meisten sehr viel größer als Sea-Eye, patrouillieren in dieser Gegend. Die Schiffe heißen Sea-Watch, Open Arms oder Iuventa. Hinzu kommen die Schiffe, die die Europäische Union hierher geschickt hat. Kritiker sprechen von einem "Taxi-Service". Als ich Moritz danach frage, starrt er mich entsetzt an: "Sollen wir sie sterben lassen?"

Tag 6

Über die italienische Küstenwache MRCC Rom wird uns ein "Kontakt" gemeldet. Irgendetwas ist da, das kein eigenes Radarsignal aussendet, wie es normale Schiffe tun. Um diese Jahreszeit und in dieser Gegend, 20 Meilen vor der Küste Libyens, kann das nur heißen: Da treibt wieder ein Flüchtlingsboot. Die Sea-Eye schafft nur fünf Knoten, als wir eintreffen, hat ein anderes, schnelleres Schiff, die Sea-Watch II, bereits ein kleines Holzboot mit etwa 80 Menschen an Bord geborgen. Wir kommen zu spät. Moritz erzählt, es sei schon vorgekommen, dass Hilfsorganisationen sich in diesen Gewässern Wettrennen geliefert hätten: "Das sind unsere Flüchtlinge!"

Tag 7

In der Nacht hat die libysche Küstenwache auf das Schiff einer privaten Hilfsorganisation geschossen. Wir haben strikte Order, nicht zu nah an ihr Hoheitsgewässer heranzufahren.

Vor unseren Augen kommen nach jeder Rettungsaktion sofort "Motorfischer" aus Libyen auf die leer geräumten Boote zugefahren. Zwei oder drei Typen, die sich ihre Hüte tief ins Gesicht ziehen, während sie den Motor klauen, der die Flüchtlinge bis hierher gebracht hat. Manchmal sind die Motorfischer bewaffnet, manchmal stecken sie mit den Schmugglern unter einer Decke. Manchmal sind sie sogar von der libyschen Küstenwache. Wenn sie nicht schnell genug sind, werden die Boote von den EU-Patrouillen abgefackelt, um den Schleppern das Handwerk zu legen – ein Verzweiflungsakt. Das Schlepperhandwerk ist inzwischen lukrativer als der Drogenhandel, neue Motoren sind schnell besorgt.

Tag 8

Es ist heiß und eng an Bord. Beim Frühstück – zerlaufene Eier, die bei Seegang in der Pfanne hin und her tölpeln – flammt eine Diskussion über die Rolle der Sea-Eye auf. Ein Teil der Crew will, dass wir uns näher an die libysche Küste heranwagen: "Die Leute in den Gummibooten schaffen es doch gar nicht bis zu uns! Was machen wir hier eigentlich?", sagt Moritz außer sich.

Aber der Kapitän will nicht. Gunter, 60, ist 40 Jahre lang zur See gefahren. Er sagt, er habe die Nase voll von "linken Aktivisten" wie Moritz, die eben riskieren würden, dass die libysche Küstenwache einem ein paar Schüsse vor den Bug gibt. Moritz erwidert, wir würden viel zu wenigen Flüchtlingen helfen, wenn wir uns immer nur im respektvollen Abstand von 24 oder gar 30 Meilen vor der libyschen Küste bewegten. Der Kapitän zieht sich auf eine Anweisung von Vereinsgründer Michael Buschheuer zurück: "Kein Risiko!", daran werde er sich halten.

"Mensch", sagt Gunter und schaut resigniert von der Brücke aufs Meer, "ich war so froh, mich mal wieder für was zu engagieren. Aber dieses linke Eiferertum, das kotzt mich an. 'Was, du isst Fleisch?', äfft er die anderen nach. 'Was, du bist nicht vegan?' So was mach ich nie wieder!" Gunter ist nicht nur nicht vegan, er ist Jäger. Er schießt Rehe, zum Essen. Jonas von der Animal Liberation Front hat diese Information aber mit Fassung getragen. Die gesamte Crew, und das ist ein großes Glück, hat Humor. "Ich komm dann deinen Hochsitz ansägen", sagt Jonas. "Komm du nur", entgegnet Gunter.

Sie haben das Gefühl, als Europäer schuld am Elend in Afrika zu sein

Wir treffen uns auf der Brücke zur Teambesprechung. Alle stehen, manche haben wütend die Arme vor der Brust verschränkt. Martin, Bente, Jonas, Marco, Moritz, Reinhard, der Arzt, und auch Johnny, der Funker, mit 23 Jahren der Jüngste an Bord, sind sich einig: "Wir sind doch verpflichtet zu helfen! Was machen wir denn hier, wenn wir nicht retten? Wir sind doch schuld daran, dass sie überhaupt fliehen müssen", sagt Jonas. Sie haben das Gefühl, als Europäer schuld am Elend in Afrika zu sein. "Die Art, wie wir leben, bedingt die Art, wie sie hier sterben", solche Sätze fallen. Aber stimmt das wirklich? Sind wir schuld daran, dass ein eigentlich reiches Land wie Nigeria seinen Bürgern keine Zukunft bietet?

Tag 9

Es ist prima "Retterwetter", wie Martin das nennt. Die See ist ruhig, der Wind kommt aus Süden. Die Flüchtlingsboote hätten ihn also im Rücken. Und dennoch passiert: nichts. Warum nicht?

Die Erklärung führt mitten hinein ins Dilemma der Helfer, in die ungemütliche Wahrheit hier in diesem "Rettungstheater" – in die Verstrickung zwischen Rettung und Menschenschmuggel. Wir sind ein paar Tage lang weit und breit das einzige Schiff vor Ort. Das kann man auf jedem "Vesselfinder" sehen, auf jedem Schiffsmonitor. Die Schlepper wissen inzwischen genau, welche Hilfsorganisation wie viele Kapazitäten hat – und die der Sea-Eye sind klein. Die Schlepper verfolgen, ob die Sea-Watch in der Nähe ist oder die Golfo Azzurro oder die Iuventa, das Schiff der Organisation Jugend rettet. Alle drei sind größer als die Sea-Eye. Sobald sie auftauchen – wie das ein paar Tage später der Fall ist –, starten plötzlich 20 oder 30 Flüchtlingsboote gleichzeitig.

Moritz steht mit nacktem Oberkörper im Wind und sucht mit dem Fernglas nach Booten. Er hat viele Freunde unter den Sea-Watch- Helfern. Er kennt sie aus der Roten Hilfe. Einer von ihnen sagt: "Es ist mir egal, ob der Anrufer, der ein Boot in Gefahr meldet, ein Schmuggler ist, ein Kriegsverbrecher oder ein Flüchtling. Es geht hier um Lebensrettung. Und dann Schleuser – das ist doch auch ein fließendes Konzept. Die Schleuser sind die Einzigen, die den Weg möglich machen, der eigentlich allen offenstehen sollte. Es ist ein Menschenrecht, sich frei zu bewegen. Die Juden im Zweiten Weltkrieg brauchten auch jemanden, der ihnen hilft."

Der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro hat speziell die zehn deutschen Hilfsorganisationen, auch Sea-Eye, im Frühjahr beschuldigt, mit den Schleusern zu kooperieren: Es gebe direkte Lichtsignale und Telefonate. Italienische Parlamentarier fragen auch, woher eigentlich das Geld kommt, mit dem Organisationen wie Sea-Watch sogar ein eigenes Flugzeug zur Überwachung des Gebiets unterhalten. Die Hilfsorganisationen finanzieren sich aus privaten Spenden.

Auch Michael Buschheuer, der Vereinsvorsitzende von Sea-Eye, der sich bewusst etwas auf Distanz zu den anderen Organisationen hält, musste deshalb zweimal vor parlamentarischen Ausschüssen in Rom Rede und Antwort stehen. Aber es konnte nichts bewiesen werden. Die Vorwürfe einer direkten finanziellen Verbindung zwischen den Schleppern und den Helfern wurden fallen gelassen. Auch während unserer Fahrt gab es keine erkennbaren Kontakte, weder Lichtsignale noch Telefonate mit Schmugglern. Dass die Hilfsorganisationen dennoch, ob sie wollen oder nicht, Teil des Geschäftsmodells der Menschenschmuggler sind, steht außer Frage.

Je mehr Menschen gerettet werden, desto mehr machen sich auf den Weg. Das ist eben, mit Marco gesprochen, die Scheiße an der Scheiße.

Tag 10

Im Morgengrauen weist uns die italienische Küstenwache auf ein Gummiboot außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone hin, jenseits derer die libyschen Hoheitsgewässer enden. Als wir an der Position eintreffen, ist das Boot nicht mehr da, dafür sehen wir ein anderes, das ohne Motor vor sich hin treibt. Die Motorfischer waren schon da. Wir bringen Schwimmwesten und eine Rettungsinsel. Dann sehen wir westlich davon gleich das nächste Boot, noch einmal mehr als 120 Menschen. Wieder bringen wir Rettungswesten, nehmen einige medizinische Notfälle und Frauen mit Kindern an Bord. Es gibt Flüchtlinge mit Malaria, Tuberkulose, Hepatitis und sicherlich auch HIV. Einige kollabieren an Bord. Unser Arzt, Reinhard, 66, gibt sich alle Mühe, aber er hat seit zehn Jahren nicht mehr praktiziert. Das ist die Stunde von Jonas. Er watet ohne Mundschutz durch das Getümmel aus Weinenden, Schlafenden, Kotzenden und Schreienden wie eine Lazarettschwester im Ersten Weltkrieg; eine Infusion in der einen, eine Flasche mit Babymilch in der anderen Hand. Für jeden ein kurzes Wort, einen Händedruck, ein Kissen für den Kopf.

Italien betreibt großen Aufwand, um Menschen zu retten

Während wir noch dabei sind, die Geretteten zu versorgen, tauchen weitere Boote auf. Die Golfo Azzurro war kürzlich einmal von 23 Schlauchbooten gleichzeitig umringt. Inzwischen ist das erste Boot, dem wir Rettungswesten gebracht haben, zurückgetrieben hinter die Zwölf-Meilen-Zone – und damit zurück nach Libyen. Es war alles umsonst.

Am Nachmittag ist die Sea-Eye voll mit Menschen. Wir versorgen sie mit Wasser, Müsliriegeln, Isodecken. Einer der Flüchtlinge fragt mich: "You know Bottrop?" Kennst du Bottrop? Und strahlt. Und dann singt er die dritte Strophe der deutschen Nationalhymne. Das gesamte Achterdeck lacht.

Die meisten haben geduscht und anschließend von uns einen Papieranzug bekommen. Darunter sind sie nackt. Sie haben nichts: keine Kleider, keine Schuhe, keine Papiere, nichts. Keinen Plan. Und mit diesem Nichts kommen sie alle früher oder später nach Italien – in diesem Jahr bereits über 80.000 Menschen. Italien muss sie einkleiden, ernähren, unterbringen.

Was an diesem atemberaubenden Freitag im südlichen Mittelmeer geschieht, passt nicht zur Rhetorik der Aktivisten an Bord, die von der EU reden wie von einem Feind, der "kalte Abschottungspolitik" oder "das Konzept des Sterbenlassens" verfolge.

Mit großer Erleichterung übergeben Moritz, Jonas und ihre Mitstreiter am Abend Hunderte von Flüchtlingen in die Arme der Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache, sowie an die Besatzung eines irischen Kriegsschiffes. Die irischen Soldaten und italienischen Beamten tragen Schutzanzüge, Mundschutz, Handschuhe und Waffen – eine Erinnerung daran, wie leicht hier alles umkippen könnte. Wir sind neun Mann Besatzung und 120 Flüchtlinge; auf der Sea-Watch gab es einmal eine bedrohliche Meuterei, als an Bord das Gerücht aufkam, es gehe zurück nach Libyen.

Die Guardia ist bei alledem von einer Freundlichkeit, die ganz vergessen lässt, was hier geschieht: Italien, das ökonomisch mit dem Rücken an der Wand steht, betreibt großen Aufwand, um Menschen zu retten, deren Bedürfnisse das Land überfordern.

Tag 11, nachts

Einige der Flüchtlinge haben uns erzählt, dass während ihrer Fahrt Menschen über Bord gegangen sind. Auch die italienische Küstenwache meldet sich. Wir sollen einen bestimmten Abschnitt des Meeres nach Leichen absuchen. Mit großen Scheinwerfern rechts und links fahren wir nun die ganze Nacht im Zickzack auf und ab. Jede Schaumkrone, jedes Funkeln könnte ein Ertrunkener sein. Aber wir finden niemanden. Ein paar Delfine allerdings folgen uns kilometerweit, wie zum Trost.

Tag 12

Wir machen uns auf den Heimweg, zurück nach Malta. Unsere Mission ist beendet. Die Sea-Eye hat in knapp zwei Wochen insgesamt 1.002 Menschen gerettet. Euphorie kommt nicht auf.