Alles hängt jetzt von einem Text ab, der auf wenige Seiten passen soll. Seit Monaten arbeiten hochrangige Beamte daran. Sie haben einander die wichtigsten Passagen immer wieder zugemailt, haben Formulierungen verworfen und neue entwickelt. Sie haben viel miteinander telefoniert, sich auch dreimal getroffen – in Frankfurt, in Berlin und zuletzt in München. Doch ihr gemeinsamer Text ist immer noch nicht fertig.

Womöglich wird er es nie.

Der Text ist das Schlusskommuniqué des G20-Gipfels, das die wichtigsten Staats- und Regierungschefs an diesem Samstag verabschieden wollen. Es soll der in Schriftform gefasste Wille sein, die drängendsten Probleme der Welt gemeinsam zu lösen.

Bloß gibt es diese Gemeinsamkeit nicht mehr.

Seit sich die Staats- und Regierungschefs der G20 vor ziemlich genau zehn Jahren, auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise, zum ersten Mal trafen, gaben sie gemeinsam die Richtung der internationalen Politik vor. Doch wenn sie in dieser Woche in Hamburg zusammenkommen, ist nichts mehr so, wie es war. Die Weltregierung hat ihre erste große Regierungskrise.

Nicht nur über die wesentlichen Passagen der Schlusserklärung gibt es Streit. Wenige Tage vor dem Treffen ist selbst noch die Tagesordnung unklar, ja sogar, wer zu welchem Thema sprechen soll und wann. Kann sein, dass Angela Merkel, wenn sie Donald Trump am Donnerstagabend vor Beginn des Gipfels zum Vorgespräch trifft, den US-Präsidenten doch noch auf eine gemeinsame Linie einschwört. Kann aber auch sein, dass Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin, wenn sie sich am Freitag bilateral treffen, alle Ziele der G20 gleich wieder infrage stellen.

Alles ist möglich. Nichts ist gewiss.

Angela Merkel hat diesen Gipfel gewollt, sie hat ihn nach Hamburg geholt, auch weil sie die schönen Bilder wollte, wenige Wochen vor der Wahl. Eigentlich hätte das Treffen im Herbst stattfinden sollen. Auf Wunsch der Deutschen wurde es vorverlegt. Nun aber könnte es nicht die erhofften Fotografien geben, so wie 2007 in Heiligendamm oder 2015 auf Schloss Elmau: Merkel im Kreise der Mächtigen; die Kanzlerin als heimliche Dompteuse der großen Jungs. Nunmehr drohen hässliche Bilder: von Großdemonstrationen und Ausschreitungen vor dem Versammlungsort. Und vom Krach zwischen den Gipfelteilnehmern höchstpersönlich.

Klimawandel, Flüchtlingsströme, Handelskriege: Noch nie war es so wichtig, dass die G20 an einem Strang zieht – aber eben auch noch nie so schwer.

Wenn in Hamburg die Regierungsflieger landen, wird der Mann, der das Gipfelformat erfunden hat, seinen Fernseher anschalten und sich alles aus sicherer Distanz anschauen. Robert Kimmitt war stellvertretender Finanzminister unter US-Präsident George W. Bush, heute arbeitet er in Washington für eine große Anwaltskanzlei. 2008, als an der Wall Street die Finanzgiganten wackelten, waren die G20-Treffen ein öffentlich kaum bekannter Gesprächskreis aus Finanzministern und Notenbankgouverneuren.

Kimmitt hatte die Idee, die Runde größer und bedeutender zu machen: ein jährliches Treffen der Staats- und Regierungschefs. Am Morgen des 20. Oktober 2008 rief Kimmitt seinen Chef Hank Paulson an, der überzeugte den Präsidenten – und wenige Wochen später fand in Washington der erste Gipfel statt. "Eine gute Abschlusserklärung ist kurz und prägnant – und sie enthält einen klaren Aktionsplan, dessen Umsetzung beim nächsten Gipfel überprüft werden kann", sagt Kimmitt. Genau so ist es damals in Washington gelaufen. Schon vor dem Gipfeltreffen hatten Unterhändler die wesentlichen Punkte geklärt. Die Staats- und Regierungschefs mussten sich nur über ein paar eckige Klammern beugen, zwischen denen die noch strittigen Punkte standen.