Eigentlich wollte er schon vor Wochen erzählen, was damals passiert ist, während des G8-Gipfels 2001. Aber dann kamen die Dämonen von Genua zurück. Mit der Faust drosch er so lange auf seinen Fernseher ein, bis der Bildschirm splitterte. Den Kopf schlug er sich an der Tür blutig. Im Krankenhaus gaben sie ihm Psychopharmaka. Zehn Tage lang war er nicht fähig, mit anderen Menschen zu sprechen. Auch seine Freundin und seinen zweijährigen Sohn konnte er nicht sehen. "Ich bin am Kränkeln", schrieb er per SMS – sicher nicht die angemessene Beschreibung für die Zustände, die ihn seit jenen Nächten im Juli vor 16 Jahren immer wieder überfallen.

Niels Martensen, 40 Jahre, Baumpfleger und Öko-Aktivist aus Hamburg, ist einer der etwa 100 Menschen, die in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 2001 in der Diaz-Schule in Genua übernachten wollten, dort von einem italienischen Polizeikommando überfallen und teils schwer verletzt wurden.

An den Folgen der Ausschreitungen rund um den berüchtigten G8-Gipfel hat er noch immer zu tragen.

Genua, das ist bis heute Chiffre für ausufernde Gewalt bei einem internationalen Gipfeltreffen, für sich hochschaukelnde Aggressionen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Mehr als 300.000 Globalisierungskritiker waren damals in die norditalienische Hafenstadt gereist, bereits am Freitag kam es zu Straßenschlachten zwischen Polizisten und Militanten. Ein Carabiniere erschoss aus einem Polizeiwagen heraus den Aktivisten Carlo Giuliani, zuvor soll der 23-Jährige mit einem Feuerlöscher auf das Fahrzeug zugestürmt sein. Das war nur der Höhepunkt einer Eskalation von Gewalt, die im westlichen Europa ihresgleichen sucht.

Genua ist bis heute ein Menetekel – und dieser Tage so präsent wie lange nicht. Präsent für die deutschen Sicherheitskräfte, die auf jeden Fall verhindern wollen, dass sich in Hamburg während des G20-Gipfels solche Ausschreitungen wie damals in Italien wiederholen. Präsent für den Hamburger Verfassungsschutz, der vor 7.000 bis 8.000 militanten Demonstranten aus dem In- und Ausland warnt, die zum Gipfel anreisen. Und präsent für die Demonstranten, die damals dabei waren.

Für Menschen wie Niels Martensen.

Der Hamburger schafft es dann doch, der ZEIT zu erzählen, was ihm in Genua widerfuhr. Martensen, damals 24 Jahre alt, war im Juli 2001 mit seiner Freundin Lena und zwei weiteren Hamburgern nach Italien gereist, um zu protestieren. Nach ihrer Ankunft am Freitagabend schliefen sie am Strand, am Samstag gingen sie auf die Großdemonstration mit etwa 300.000 anderen G8-Gegnern.

So beeindruckt die Anarchisten aus Hamburg anfangs von der Wucht des Protests waren, so schnell schlug die Stimmung um, als die Polizei mit Tränengas und Knüppeln gegen Gipfelgegner vorging. Martensen hatte seine Kamera dabei. Er erinnert sich, wie er fotografierte, soviel er konnte – bis Carabinieri den Film aus seiner Kamera rissen und ihn zusammenschlugen, wie er erzählt. Eine Narbe am Kinn sieht man bis heute.