Als die Bombe platzt, sitzt der Nachfolger beim Abendessen im Refektorium der Jesuiten. Ein hoher Saal, ein Dutzend runde Tische, an der Stirnwand ein Fresko des Abendmahls, an der Wand gegenüber das Buffet. Die Ordensmänner, ehe sie hereintreten, waschen sich vor der Tür die Hände in einem altertümlichen Handwaschbecken. Das Refektorium liegt im obersten Stockwerk der Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom. Es ist Freitagabend. Luis Ladaria, 73, ein sehr dünner Herr mit Bürstenhaarschnitt, im hellgrauen Kollarhemd, unterhält sich mit einem Kollegen. Der Spanier wirkt entspannt, hier ist er zu Hause. Nur als am Nebentisch Getuschel ausbricht und der Name Müller fällt, schaut er kurz auf.

Ladaria ist einer der ganz wenigen, die am vergangenen Freitag wissen, dass jetzt der Knall kommt: der lang erwartete und doch nie vollzogene Bruch des argentinischen Papstes mit dem deutschen Glaubenspräfekten. Die Agenturen vermelden es erst Samstagfrüh. Momentan weiß es weder der Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, noch die deutsche Botschafterin beim Vatikan, Annette Schavan, noch der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper noch der legendäre Vatikansprecher Federico Lombardi, ein Jesuit, der nun die Joseph-Ratzinger-Stiftung leitet. Nachher werden die Papstgegner behaupten, auch Ladaria sei überrascht worden. Sie sehen einen Willkürakt des Barmherzigkeitspapstes, aus heiterem Himmel.

Tatsächlich ist es eine Strafe, schockhaft, aber wohlüberlegt. Gerhard Ludwig Müller erfährt es am Freitagmittag vom Papst, nur drei Tage vor dem Ende seiner fünfjährigen Amtsperiode. Da ist sein Sekretär Ladaria schon zur Nachfolge bestellt und hat sich, ungern, aber gehorsam, dem Papstwillen gebeugt. Nun rufen die Konservativen, Ladaria sei noch konservativer als Müller, weil Papst Benedikt ihn 2008 in die Glaubenskongregation holte. Zu diesem frommen Wunsch passt jedoch nicht, dass Franziskus ihm seit Langem vertraut. Außerdem fordert Ladaria, so neulich auf einer Konferenz der Gregoriana, schnellere Fortschritte gegen den innerkirchlichen Missbrauch: Strafe, Korrektur und Reinigung der Kirche; Mitleid, Reue und Beistand für die Opfer. Seine Forderung leitet er von den drei letzten Päpsten her, damit keiner sie abschmettern kann. Ladaria ist ein strenger Gelehrter, ein penibler Dogmatiker, kein machthungriger Hierarch. Deshalb hat der Kurienkritiker Bergoglio ("Die wahre Macht ist der Dienst!") ihn ausgewählt.

Der Papst statuiert an Müller ein Exempel. Es soll denjenigen Warnung sein, die ihn durch die ewig gleichen Einwände bremsen. Auch seine Trostformel für Müller, künftig werde jeder Präfekt nach fünf Jahren abberufen (die Papstvertrauten präzisieren off the records: wenn es Gründe gibt!), ist eine Drohung. Denn Roms notorische Reformgegner sind nicht nur Andersdenkende, sondern oft Intriganten. Selbst der Präfekt des Päpstlichen Hauses Georg Gänswein soll halblaut über Franziskus schimpfen. Seine fünf Jahre laufen Anfang Dezember ab.

Samstagfrüh in der Vatikanstadt, eine halbe Stunde Fußweg von der Gregoriana entfernt, sind die Monsignori über die geplatzte Bombe nicht erstaunt. Zu oft hatte der zweitmächtigste Mann des Vatikans den mächtigsten korrigiert. Hatte dessen Reformtheologie angezweifelt, wonach die Theologen aufhören sollen, "das Evangelium in Steine zu verwandeln", um sie "auf die Menschen zu werfen". Namentlich bei den Familiensynoden hatte Müller auf die Glaubenslehre gepocht, statt diese, nun ja, so beherzt auf die Wirklichkeit anzuwenden, wie Franziskus das wünschte. Mit den Worten eines Vatikandiplomaten: "Seine Aufgabe wäre gewesen, die Reformen zu erklären und nach draußen zu übersetzen. Nicht etwa die Tradition zu brechen, sondern ein neues Kapitel der Tradition zu schreiben. Stattdessen hat er Inquisitor des Papstes gespielt."

Dessen war er sich wohl nicht immer bewusst. Die mit ihm als Theologen zusammengearbeitet haben, loben ihn als soliden Fachmann, der nicht lavierte, nichts hinbog, sondern, wenn er von einer Sichtweise überzeugt war, dabei blieb. Das war redlich, aber nicht ganz ausreichend, um die skandalgeplagte, von Streitigkeiten zermürbte Kirche in die Zukunft zu führen.

Und so ist es passiert. Der Präfekt begibt sich vergangenen Freitag gegen Mittag in die "Bibliothek" des Papstes, sein Audienzzimmer, und erstattet Rapport. Draußen der Petersplatz glüht weiß vor Hitze. Im Vatikan beginnt gleich die Sommerpause. Franziskus hört geduldig an, was sein Präfekt vorträgt – erst dann, fast im Hinausgehen, eröffnet er Müller, es sei vorbei. Danke!

Für Gerhard Ludwig Müller kommt das Erwartbare nun doch unerwartet. Also geht er hinüber in die Glaubenskongregation, den trutzigen gelben Palazzo mit den grauen Fensterläden links neben dem Petersdom, und sagt seinen engsten Mitarbeitern Bescheid. Eigentlich sollte er bis Montag warten, dann käme die Presseerklärung des Heiligen Stuhls, aber er fühlt sich brüskiert. Der Papst soll ihm die Leitung des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem angeboten haben. Keine Degradierung, sondern eine Demütigung! In Wahrheit ist der Posten nicht vakant. Tatsache ist aber auch, dass es aus der Glaubenskongregation kein Zurück gibt in die Hierarchie. Man kann zum Papst aufsteigen, wie der Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger, der 24 Jahre im Amt war. Oder man geht in den "Ruhestand", der bei Müller keiner ist, weil ein Kurienkardinal mit 69 als jung gilt (Erzbischof Ladaria ist vier Jahre älter). Also: Man fällt.