Es mag wie ein unvermeidlicher Schicksalsschlag eines armen Landes erscheinen. Etwas, für das vorübergehend die üblichen Spendengelder fließen. Und doch versinnbildlicht die aktuelle Cholera-Epidemie im Jemen etwas anderes, etwas Grundsätzliches: Sie illustriert das Unvermögen der Weltgemeinschaft, selbst solche Gesundheitskrisen zu meistern, die eigentlich beherrschbar wären.

Seit April gab es im Jemen über 250.000 Cholera-Verdachtsfälle, täglich kommen 5.000 dazu, mehr als 1.500 Jemeniten sind an der Durchfallerkrankung gestorben. Dabei wäre Cholera leicht zu bekämpfen: Es bräuchte nur sauberes Trinkwasser, ein bisschen Zucker und Salz gegen den Mineralienverlust und eventuell ein paar Antibiotika. Nichts, was unerschwinglich wäre. Doch obwohl seit Monaten absehbar war, dass das von Krieg und Bürgerkrieg geschundene Land auf eine Gesundheitskatastrophe ungeheuren Ausmaßes zusteuert, lief die globale Reaktion nur schleppend an. Von den angepeilten Hilfsgeldern in Höhe von 2 Milliarden Dollar kratzten die UN im April gerade mal die Hälfte zusammen, 1,1 Milliarden.

So steht der Cholera-Ausbruch im Jemen, ähnlich wie die Hungersnöte in Somalia und im Sudan, für ein globales Versagen der Gesundheitspolitik. Dass es schwer ist, Nahrungsmittel und medizinische Hilfe in umkämpfte Gebiete zu schaffen, ist eine Ausrede. Denn selbst wenn sich dafür eine Gelegenheit bietet, fehlen oft der Wille und das Geld für entschlossene Aktionen. Wie schon in der Ebola-Krise läuft die globale Reaktion meist spät, zäh und unkoordiniert ab. In der Regel kommt sie erst dann auf Hochtouren, wenn die Krise bereits vorbei ist und Tausende Todesopfer zu beklagen sind.

Ein perfekter Stoff also für das G20-Treffen in Hamburg, auf dem die globale Gesundheitspolitik auf der Agenda steht. Dabei richten sich, wie bei anderen Themen auch, viele Hoffnungen auf Deutschland. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat internationale Gesundheitsgefahren als Thema entdeckt und schickt sich an, die Führungsrolle auf diesem Gebiet zu übernehmen.

Lange Zeit haben die USA und Großbritannien sowohl finanziell als auch ideell die Richtung in Bezug auf die Globale Gesundheit (Global Health) vorgegeben. Der um die Jahrtausendwende von den USA eingeführte Aids-Notfall-Plan verbesserte beispielsweise die Versorgung von Aids-Kranken in Entwicklungsländern dramatisch. Mit der Amtszeit von Donald Trump jedoch erwarten Global-Health-Experten den massiven Rückzug der Weltmacht aus der Entwicklungshilfe. Damit rückt die Bundesregierung mehr und mehr ins Blickfeld. "Deutschland ist ganz klar in einer neuen Führungsrolle, die es in der Vergangenheit nur ungern übernommen hat", heißt es im aktuellen Editorial des Medizin-Fachblattes The Lancet. Das G20-Treffen in Hamburg könnte die Geburtsstunde einer neuen Weltgesundheitsordnung markieren.

Die Geschichte der globalen Gesundheitspolitik ist wechselhaft. Im 19. Jahrhundert stand sie in Form der Tropenmedizin noch ganz im Interesse der Kolonialmächte, die ihre Bürger und Soldaten im Ausland schützen wollten. Zu Zeiten des Kalten Krieges war großzügige Gesundheitshilfe eine Möglichkeit, Alliierte an sich zu binden und den geopolitischen Einfluss zu stärken. Nach dem Zerfall der Sowjetunion konnte endlich eine unparteiische Entwicklungshilfe beginnen. Es war das Jahrzehnt des erfolgreichen Kampfes gegen Infektionskrankheiten wie Aids und Malaria, Keuchhusten und Polio.

Doch noch immer ist internationale Gesundheitshilfe vor allem eine generös gewährte Wohltätigkeit. Nichtregierungsorganisationen rufen im Krisenfall zu Spenden auf, und staatliche und multinationale Institutionen müssen alle paar Jahre in sogenannten Pledging-Runden große Summen erbetteln. Damit soll Schluss sein. "Die Zeit der Almosen ist vorbei", sagt Ilona Kickbusch, welche die Bundesregierung maßgeblich beraten hat. Was die Welt jetzt braucht, sind dauerhafte Strukturen, die den Aufbau robuster Gesundheitssysteme erlauben – etwas, das zum Beispiel im Jemen sträflich vernachlässigt wurde.

Die Erkenntnis, dass ausufernde Gesundheitsgefahren in einem fernen Land auch eine Bedrohung für Deutschland darstellen, ist inzwischen in der Bundesregierung angekommen. Antibiotika-Resistenzen verbreiten sich über die Kontinente und gefährden weltweit Patienten; eine globale Ebola-Epidemie oder eine Grippe-Pandemie könnte mittelfristig sogar eine Wirtschaftskrise auslösen; und solange Menschen in ihrem Heimatland mit Hunger und Krankheitselend konfrontiert sind, werden die Migrantenströme nicht nachlassen.