Wie schön wäre es, wenn wir eine Welt hätten, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit an der Oberfläche erschlösse? Wenn ein schlecht riechender Mann immer kriminell, eine schön dreinschauende Frau immer gut, das spitzbübisch guckende Kind immer gemein und der knurrende Hund immer bissig wäre? Dann könnten wir uns zurücklehnen und das Leben so nehmen, wie es kommt – keine Nuancen, keine Widersprüche, keine Fragen mehr! Das einzige Manko: Die Literatur wäre damit ebenso abgeschafft und aus dem Spalt ihrer Mehrdeutigkeit gerissen.

Olga Grjasnowa – 32 Jahre alt, in Baku geboren und mit elf nach Deutschland ausgewandert – versucht das Gegenteil zu beweisen. Ihr dritter Roman handelt von der Flüchtlingskrise im Kontext der syrischen Revolution von 2011 und behandelt sein Thema leider völlig schemenhaft. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Buch die moralischen Grenzen verlaufen; wer gut, wer böse, wer ungerecht ist – und wer Herrscher und wer Knecht.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Der erste Protagonist heißt Hammoudi. Er ist ein syrischer Arzt in Paris, der nach einem Besuch in seinem Heimatland nicht mehr ausreisen darf. Der syrische Geheimdienst erklärt seinen westlichen Hintergrund für verdächtig. Schon hier schnappt die Klischeefalle zu: Natürlich ist er gut gebildet, natürlich ist er Chirurg, wie selbstredend setzt er sich, als der Bürgerkrieg beginnt, mit seinen medizinischen Fähigkeiten für die gesamte Bevölkerung ein (ja, auch für die IS-Mitglieder!). Er ist smart, charismatisch und derart perfekt, dass er jedes menschliche Antlitz verliert.

Bei der zweiten Protagonistin Amal verhält es sich ähnlich: Sie ist eine engagierte junge Frau, die auf offener Straße gegen das Regime protestiert und dafür ihr bürgerliches Leben aufs Spiel setzt. Mit Schrecken liest man von den Verhören durch den Geheimdienst, mit stockendem Atem verfolgt man die Durchsuchungsorgien, die Assads Schergen in ihrer Wohnung organisieren. Auch ihre Flucht von Syrien über Jordanien nach Deutschland ist beklemmend und eindrucksvoll beschrieben. Doch wo, bitte schön, bleibt die charakterliche Entwicklung dieser Figur? Wie kann man Zugang finden zu einem Menschen, der nur erlebt und erleidet, aber nie zaudert und zweifelt (und auch mal beherzt das Falsche tut)? Sukzessiv verfestigt sich der Eindruck, dass es sich bei Amal um keinen Charakter handelt, sondern um eine Folie für ein pädagogisches Modell.

So geht es von Seite zu Seite weiter, bis die Gewaltspirale die Biografien der beiden Figuren auseinanderreißt – vom bourgeoisen Dasein in eine von Terror und Armut umklammerte Existenz. Dieses Abdriften, das dem westlichen Leser die Fragilität des geordneten Lebens in Erinnerung rufen soll, wird mit der ästhetischen Wucht eines Vorschlaghammers inszeniert, sodass sich schnell die Frage aufdrängt, ob die vielen Folterszenen, die blutigen Verhöre, die Kämpfe in ihrer detailtreuen Schilderung nicht Ergebnis eines problematischen Beschreibungswahns sind, der die Geschichte unfreiwillig in die Nähe eines Gewaltpornos rückt. Klar, die Mimesis der Grausamkeit soll ein Mittel sein, um Empathie für das Leid der Kriegsopfer und Millionen von Geflüchteten zu erzeugen. Doch der Knalleffekt bewirkt das Gegenteil: einen Ton, der zugunsten seiner hehren Botschaft die Nuancen des Syrien-Konflikts überpinselt und damit wichtige Leerstellen für Reflexionsprozesse blockiert.

Der erzählerische Übereifer stärkt die Vermutung, Olga Grjasnowa habe sich zu sehr hinreißen lassen von den Schreckensberichten, vielleicht sogar von den Schilderungen ihres syrischen Ehemanns, der als Geflüchteter nach Deutschland kam und nun als Schauspieler am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet. Womöglich war die Realität zu stark, zu nah, um sich aus ihr herauszuwinden und die Fantasie auf die Probe zu stellen. Anstatt ihren Roman mit einer Prise Distanz vor seiner moralischen Apodiktik zu schützen, hat Grjasnowa eine Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen verfasst, die so wirken, als würden sie aus einer auf den Schockeffekt setzenden Zeitungsreportage stammen. Dies zeigt exemplarisch, wie engagierte Literatur in ihr Gegenteil kippt, wenn sie allein auf einer Poetologie des schlechten Gewissens basiert.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern. Roman; Aufbau Verlag, Berlin 2017; 309 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €