Kennen Sie das? Der Tag muss ins Bett, und Sie wollen auch, aber da sitzt ein Kind auf Ihrem Schoß und fordert: "Noch eine Geschichte!" Sie würden ja gern, aber Sie sind dem Schlaf näher als jedem Abenteuer. Nein, Sie sind kein schlechter Vater und keine schlechte Mutter, Sie sind in bester Gesellschaft. Mir geht es ähnlich. Ich mag die Gutenachtgeschichte nicht. Es gibt Abende, da fühle ich mich von ihr bedroht, schlimmer noch: Mir fällt nichts ein!

Ein kleines Geheimnis zu Beginn: Meine besten Geschichten sind gar nicht von mir. Den Löwen, der nicht schreiben konnte, hat sich meine fünfjährige Tochter ausgedacht. Nur ein Tag ist das Geschenk einer Elfjährigen – ihr ist die Geschichte im Wald aus den Gedankenbäumen gefallen. Nein, ich bin kein großer Erfinder, schon gar nicht, wenn ich lieber schlafen will oder arbeiten oder meine Ruhe haben.

Dabei sind wir Menschen ja eigentlich Laberwesen, quasseln den ganzen Tag, auf der Suche nach Bestätigung, Neuigkeiten und Wahrheit. Alles, was wir lieben und hassen, wünschen und fürchten, leben wir in Geschichten voraus und nach. Kein Wunder, dass unsere Kinder storysüchtig sind. Schicken Sie ein Kind deshalb von mir aus ohne Essen ins Bett, aber niemals, niemals ohne Geschichte, ohne ein letztes gutes Wort!

Die Gutenachtgeschichte ist die Chance, das Bedürfnis nach großem Abenteuer und den Glauben an das Gute in der Welt als eine Gewissheit in unseren Kindern zu verankern. Außerdem machen wir uns ja selbst auch immer ein bisschen glücklich damit. Für dieses Glück müssen Sie kein Schriftsteller sein, kein Profi, Sie können aber für die Länge einer Geschichte ein anderer Mensch werden – ein Wortekasper, Heldenreiter und Weltenretter. Denn eines ist gewiss im Leben: Jeder wird mit Erzähltalent geboren. Erzähltalent ist Lebenstalent. Es liegt in der Wiege wie Wut, Trauer, Wärme, Lust und Liebe. Wer was erlebt, kann was erzählen. Immer. Und falls Sie wirklich vergessen haben sollten, wie Erzählen geht, hier ein paar ewige Regeln:

1. Fangen Sie einfach an. Meinetwegen mit "Es war einmal", und dann vertrauen Sie auf das nächste Wort.

2. Machen Sie weiter, auch wenn Sie nicht wissen, wohin es geht. Wer weiß das schon?

3. Lassen Sie Ihr Kind miterzählen, und übernehmen Sie, wenn Sie wieder eine Idee haben.

4. Reden Sie Unsinn. Kinder lieben Unsinn!

5. Seien Sie unlogisch.

6. Überraschen Sie sich selbst. Ist doch egal! Halunke.

7. Kein offenes Ende ohne ...

8. Lassen Sie sich von jeder Idee tragen, die Ihrem Kind gefällt.

9. Benutzen Sie ein Erlebnis aus dem Alltag, und schmücken Sie es aus: Schuhe gesucht? Brille verloren? Was für ein Stoff!

10. Keine Regeln ohne Ausnahmen. Keine Ausnahmen ohne Regeln.

11. Der Gutenachtgeschichtenerzähler ist ein Schauspieler. Singen, Weinen, Schreien, Flüstern, Schlucken, Husten, Krächzen und Grunzen gehören dazu. Schämen Sie sich niemals, Ihr Kind liebt Sie ohnehin, Sie sind das erste Theater. Fürchten Sie sich nicht, es ist Ihr Kind und kein Kritiker der ZEIT.

12. Werden Sie zum Schamanen: Nutzen Sie Geschichten, um zu trösten und zu heilen!

13. Freuen Sie sich auf eine Geschichte, die Sie noch nicht kennen.

14. Erzählen Sie am nächsten Abend die gleiche Geschichte mit einem anderen Ende.

15. Genießen Sie die Freiheit der Lüge, der Übertreibung. Den Witz der Verkehrung!

16. Und für alle, die auf Nummer sicher gehen wollen, Geschichten funktionieren so: Es gibt immer einen Helden, und der braucht ein Problem! Sie machen es dem Helden schwer, lösen am Ende aber das Problem. Ohne Konflikt keine Geschichte. Das gilt für Donald Duck, Jesus Christus und für die gute alte Gutenachtgeschichte.