Hamburg ist der Welt erst einmal egal. Das muss man so klar sagen. Die Stadt heißt zwar die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Industrie- und Schwellenländer willkommen, sie räumt für Donald Trump ihr Gästehaus frei, sperrt ihre Straßen, wird zum Treffpunkt für Autonome – aber letztlich könnte Hamburg genauso gut Huangzhou sein oder Brisbane, irgendein Ort in einem Land, das gerade laut Protokoll dran ist. Irgendein Ort, der groß genug ist, einen Gipfel mit mehreren Zehntausend Teilnehmern zu stemmen. Wenn die Vertreter der G20 vom morgigen Freitag an in den Messehallen beraten, ist Hamburg nur Kulisse.

Nur Kulisse? So wenig ist das auch wieder nicht. Die Menschen hier können in den nächsten Tagen selber daran mitwirken, welche Art von Kulisse ihre Stadt sein soll. Was wird in Erinnerung bleiben? Welchen Eindruck bekommt die Welt von Hamburg?

Wenn in den kommenden Tagen um die Macht auf der Straße gerungen wird, ist das vor allem auch ein Kampf um die Macht der Bilder – und um ihre Farbe. Der schwarze Block will sie möglichst dunkel trüben. Wie viele bunte Töne danebenstehen, wird oft übersehen.

Hamburg in den Tagen vor dem G20-Gipfel, das sind nicht nur Stau und Angst. Das ist nicht nur der militante Protest. Das sind nicht nur die Linksradikalen, die bei einer demokratischen Wahl nicht einmal einen minimalen Bruchteil an Stimmen auf sich vereinen könnten, aber vor dem Gipfel maximale Aufmerksamkeit bekommen.

Hamburg in den Tagen vor dem Gipfel, das ist auch eine Stadt, die jung ist und widerborstig, die widerspricht und das Leben draußen spielen lässt. Eine Stadt, in die nicht nur Menschen kommen, um den König der Löwen zu sehen, sondern um andere sehen zu lassen, dass ihnen der Zustand der Welt nicht egal ist.

Der Wille zur Mitgestaltung war auf Hamburgs Straßen lange nicht so greifbar wie jetzt: wenn Fahrräder Banner für den Frieden hinter sich herziehen. Wenn an der Alster Studenten mit Rucksäcken sitzen und frühstücken. Wenn der Widerspruch sich breitmacht, auf Verkehrsschildern und Hauswänden, nicht nur aggressiv und verbissen, sondern ironisch. Klar, das kann nerven, in Hass umschlagen, in Kämpfe mit der Polizei. Das muss man nicht kleinreden, einerseits.

Andererseits kann man es auch mal so sehen: Lange nicht war die Sicherheitszone um den Tagungsort eines G20-Gipfels so klein gehalten wie in Hamburg. Wer den Mächtigen dieser Welt, auch den Skrupellosen und Gewissensmüden unter ihnen, seinen Widerspruch entgegenhalten will, der kann das hier offen tun. Das gilt selbst für jene, die es nicht fertigbringen, die Teilnehmer ihrer Demos zu Gewaltverzicht aufzurufen.

Es ist gut, dass es hier keinen Mut braucht, um ein Banner an sein Fahrrad zu binden oder mit einer Meinung auf die Straße zu gehen, die sich nicht mit der der Regierung deckt. Es ist gut, ein Anti-Trump-Plakat an sein Balkongitter hängen zu können, ohne damit rechnen zu müssen, verhaftet zu werden.

Es ist gut, eine Kulisse für diese Bilder zu sein.