Dazu kommt: Wie in der Schweiz liegt die Arbeitslosenquote in Japan bei etwa drei Prozent, das Land ist nah an der Vollbeschäftigung. In gewissen Branchen ist die Suche nach Mitarbeitern schon heute schwierig, zum Beispiel auf dem Pflegesektor. Aus europäischer Sicht haben viele Japaner auf diese Herausforderung eine provokative Antwort: mehr Automatisierung, mehr Roboter. Schon lange werden in Japan Maschinen mit Wohlstand und Fortschritt assoziiert. Für gewisse Politiker folgt daraus, dass Roboter die besseren Migranten sind.

Nein, Immigration wird in Japan nicht als Chance wahrgenommen, sondern entweder als notwendiges Übel – irgendwer muss die alte Großmutter pflegen – oder als Bedrohung. Dabei geht es nicht um angeblich bedrohte Werte oder die Mehrheitsreligion, die wir in Europa meistens unter Kultur subsumieren, sondern um eine vage Bedrohung von Japan als einzigartige Gesellschaft mit ihrer ganz eigenen sozialen und kulturellen Ordnung, die es zu bewahren gilt. Der "Andere", der nicht unbedingt böswillig etwas zerstören will, wird sich in diesem kulturellen Korsett zwangsläufig bizarr verhalten und sich, aus Sicht der Japaner, nie und nimmer integrieren können; wobei sie eher an Assimilieren denken.

Im World Value Survey 2015 geben 36 Prozent der Japaner an, es wäre besser, wenn keine Ausländer in ihrer Nachbarschaft wohnen würden; das ist Rang drei unter allen OECD-Ländern. Nach vielen Gesprächen, die ich hier in Tokio geführt habe, bin ich der Überzeugung, dass man diese Haltung nicht als Rassismus interpretieren sollte, sondern als Ausdruck einer Angst, mit dem "Anderen" die Regel des Zusammenlebens aushandeln zu müssen. Ein kleines offizielles Schreiben, das wir in der Spielgruppe unserer Kinder erhielten und das uns Neulinge über das adäquate Verhalten in Tokio aufklären wollte, hat diesen Eindruck bestätigt. Auch wenn seine Form amüsant und kindlich ist, die symbolische Botschaft bleibt unmissverständlich: Fremde, nehmt eure japanischen Nachbarn zum Vorbild. Kritische Fragen bitte später – wenn überhaupt.

Diese Haltung zeigt sich auch in der japanischen Asylpolitik. Die Politik sagt konsequent: Wir nehmen keine Menschen auf, aber wir sind bereit, viel dafür zu zahlen, dass sie Schutz erhalten. Einfach woanders. 2015 wurden deshalb von 7.586 Asylgesuchen lediglich 27 (ja, siebenundzwanzig) akzeptiert; weitere 79 Menschen konnten aus humanitären Gründen im Land bleiben. Das sind nicht einmal 100 Menschen bei einer Bevölkerung von 127 Millionen. Diese extreme Kompensationsstrategie wirft Fragen auf: Darf man sich als reiches Land eine Null-Asylbewerber-Politik erkaufen? Wenn ja, wie viel soll das kosten? Japan ist heute der viertgrößte Geldgeber des UN-Flüchtlingshilfswerks. Und: Ist diese Haltung mit den Ambitionen vereinbar, die Japan hegt, weltweit als Führer des asiatisch-pazifischen Raums aufzutreten?

Hier in Tokio wurde mir als Liberaler wieder bewusst: Wie Immigration verstanden und organisiert wird, sagt viel über die eigenen Wertvorstellungen aus. Es geht dabei um die großen Frage nach Autonomie und Selbstverwirklichung. Und für uns, die wir hier als Migranten ein fremdes Land erleben, ist diese Erfahrung ein Anlass, um uns ernsthafte Fragen zu stellen: Was würden wir als Familie vermissen, wenn wir uns in Japan niederlassen würden? Dürfte ich und könnte ich über mein Leben frei bestimmen? Könnte ich meine Ziele, meine Werte und meine Träume selber definieren und verwirklichen? Ist die gesellschaftliche Ordnung so konzipiert, dass sie die gleiche und gleichzeitig maximale Freiheit für alle sichert, wie es meine Interpretation des Liberalismus verlangen würde?

In Japan stehen dem politischen Ideal der individuellen Freiheit und Autonomie in der Lebensgestaltung nicht die Gesetze im Wege, sondern die starke soziale Kontrolle. Das Umfeld, die Familie, die Gesellschaft verlangen viel von einem: gute Ausbildung, vielversprechende Jobs, ein glückliches Familienleben. Andere Lebenspläne sind theoretisch erlaubt. Aber sind sie auch realistisch? Ein Arbeitskollege von mir, urban und trendy, sagte: "In Japan ist der Preis der Nichtkonformität unglaublich hoch."

Für einen Liberalen wie mich sind die Monate in Japan ein Stresstest. Der unangenehme Eindruck bleibt: Japan duldet die Freiheit nur. Sie ist nicht die Grundlage der Gesellschaft und des Staates, sie wird organisiert, kontingentiert und toleriert. Ich fühle mich sicher, aber in einer sozialen Rolle eingesperrt; frei, aber fremdbestimmt; wohlhabend, aber limitiert.

Doch es tut gut und not, sich dieser wohlhabenden und traditionsreichen Gesellschaft zu widmen. Ich verstehe jetzt besser die Sehnsucht von einigen Schweizer Mitbürgern nach einer Gesellschaft, in der sich alle verständigen können, gemeinsame kulturelle Bezugspunkte pflegen und sich als Teil einer starken historischen Tradition sehen. Japan ist vermutlich ein Musterbeispiel dieser Sehnsucht.

Allein, der Preis für dieses Unter-sich-Bleiben ist hoch: Autonomie und Freiheit sind sekundäre Ideale, und man pflegt ein Bild der Gesellschaft als homogene Nation. Von den wirtschaftlichen und sozialen Kosten ganz zu schweigen. Deshalb hat mich Tokio, hat mich Japan zu einem noch überzeugteren Schweizer gemacht. Einem, der an die nationale Vielfalt und die "Willensnation" glaubt. An ein Land, das nicht auf der Idee beruht, unter Seinesgleichen ein Gesellschaftsprojekt ausleben zu wollen. Wir In- und Ausländer leben in der Schweiz zusammen, weil wir uns gegenseitig Freiheit, Gleichheit und Wohlstand garantieren wollen.