Das neue Album von Jay-Z beginnt dort, wo auch dem reichsten Rapper all sein Geld nichts nützt: beim emotionalen Kassensturz. Ein Song namens Kill Jay Z listet zahlreiche Fehltritte und Formschwächen aus seiner jüngeren Vergangenheit auf, unter anderem Ego-Probleme, Ehebrüche und Vertrauensverluste an der Hip-Hop-Basis. Der Ton ist erst zerknirscht, schwenkt aber schnell ins Euphorische um. Jay-Z muss sterben – damit Jay-Z auferstehen kann. Streicher und Orgel spielen den großen Zapfenstreich. So dramatisch und so einfach geht Erlösung in der Rapmusik.

Das Lied vom eigenen Tod hat dort eine lange Tradition. Jay-Z ist Teil einer Hip-Hop-Generation, die von Reagans Wirtschaftspolitik, Crack-Epidemien und rassistischer Städteplanung geprägt wurde. Im Gegensatz zu anderen Rappern konnte der ehemalige Drogendealer aus einer Sozialbausiedlung in Brooklyn dem Tod jedoch nie eine romantische Seite abgewinnen. Jay-Z rappte lieber über das Überleben. Anfangs, weil er fürchtete, seine Vergangenheit könnte ihn einholen. Zehn Nummer-eins-Alben später, weil er fürchtet, vom Thron gestoßen zu werden.

Jay-Z hat Hip-Hop im amerikanischen Mainstream verankert, aber die Angst, alles wieder zu verlieren, ist er nie losgeworden. Um seine Musik zu verstehen, muss man das wissen. Es hilft, die Eckdaten seiner Biografie zu kennen. Eigentlich heißt Jay-Z Shawn Carter, er ist Ende 40, hat drei Kinder mit seiner Frau Beyoncé. 800 Millionen Dollar gescheffelt. 100 Millionen Platten verkauft. Einen Schrank voll Grammys gewonnen. Eigene Stiftung, eigener Streaming-Dienst, Mode-, Schampus-, Mobilfunk- und Sportprojekte. Obama rief an, Jay-Z ging hin. Hip-Hop wurde staatstragend unter dem ersten schwarzen US-Präsidenten. Das ist auch ein Verdienst von Jay-Z. Oder seine Schuld.

Denn es gibt auch Leute, denen all das zu viel wurde: die Deals und die offiziellen Termine, die aggressive Vergrößerung des eigenen Vermögens und die zunehmend realitätsferne Musik, die Jay-Z darüber schrieb. Sein Haus sei "like the Louvre or the Tate Modern", bekannte er auf seinem letzten Album Magna Carta Holy Grail. Es gab auch Songs über sein Auto und sein Boot. Als sich in Ferguson und an anderen Tatorten rassistisch motivierter Polizeigewalt der afroamerikanische Widerstand regte, fehlten Jay-Z allerdings die Worte. Dabei ist Hip-Hop der Soundtrack dieser Protestbewegung. Junge Künstler wie Kendrick Lamar und Chance The Rapper verdanken ihren Aufstieg auch ihrer Nähe zur Black-Lives-Matter-Bewegung. Während der zweiten Obama-Amtszeit überflügelten sie Jay-Z als Lieblingsmusiker des Weißen Hauses. Der selbst ernannte CEO of Rap empfahl derweil Investitionen in Picassos und Basquiats. Magna Carta Holy Grail veröffentlichte er zunächst exklusiv für Besitzer von Samsung-Handys.

Das war der Anfang des Abstiegs von Jay-Z. Auf den Verlust der künstlerischen Relevanz folgte die persönliche Demütigung: Seine Frau entlarvte ihn mit ihrem Album Lemonade im April 2016 als Ehebrecher. Beyoncé erzählte darauf die offensichtlich autobiografische Heilungsgeschichte einer betrogenen Frau und schöpfte aus dem Ausgangsmaterial jene Art von allgemeingültigem, universell gefeiertem Statement, zu dem Jay-Z seit Jahren nicht mehr fähig schien. Der Rapper für ganz oben war ziemlich weit unten angekommen. Pflichtschuldig kroch er zu Kreuze.