Stärke zeigen ist das liebste Hobby von Saad al-Dschassim. In seinem verstaubten Schmuckladen auf dem großen Basar in Doha hängt ein großes Bild von ihm in Schwarzenegger-Pose, mit gewölbtem Bizeps und Leopardenfell über der Schulter. Das ist fast 60 Jahre her, Katars erster Bodybuilder ist inzwischen 78, aber auf dem Marktplatz zieht er immer noch seine Dischdascha aus, das traditionelle arabische Gewand, und lässt sich ein Brett mit Felsbrocken auf den nackten Oberkörper legen. Ein Helfer holt dann mit dem Vorschlaghammer aus, es folgt ein Schlag, noch einer und noch einer, die Steinsplitter fliegen durch die Luft, die Zuschauer rufen "Allah" oder "Oh my God!" und klatschen begeistert, wenn alle Brocken zertrümmert sind.

Seit dem 5. Juni sind Saad al-Dschassims Bauchmuskeln nicht mehr nur eine Touristenattraktion. Katar steht unter Blockade seiner Nachbarn – eine Kriegserklärung, wenn auch bis auf Weiteres ohne Waffen. Al-Dschassim, auch genannt "der Starke", ist jetzt ein Sinnbild für die Nation. Egal, wie fest man auf ihn einprügelt, er steht wieder auf und klopft sich lächelnd den Staub ab. Und weil das so gut in die Zeiten der Krise passt, zahlt ihm die Regierung nun etwas für jeden seiner Auftritte. Wobei Al-Dschassim das Wort "Krise" nicht mag: "Hier ist alles ruhig und normal. Schauen Sie sich doch um im Land."

Was schnell getan ist. In knapp vier Stunden hat man Katar einmal umrundet – von der Hauptstadt Doha mit ihrer glitzernden Skyline vorbei an hochmodernen Erdgas-Raffinerien, Kamelherden, McDonald’s-Filialen, Beduinenzelten, Ölfeldern, WM-Stadien und der größten US-Militärbasis im Nahen Osten. Alles scheint auf den ersten Blick normal. Bis auf den einzigen Grenzübergang zu Lande im Süden nach Saudi-Arabien. Wo bis vor wenigen Wochen täglich Lkw-Konvois mit Nachschub für Katars Baustellen, Shoppingmalls und Supermärkte passierten, herrscht nun gespenstische Stille.

Am Morgen des 5. Juni, mitten im Fastenmonat Ramadan, erfuhren die rund 250.000 Katarer und die rund 2,5 Millionen Gastarbeiter, dass Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und der Jemen die diplomatischen Beziehungen abgebrochen, ihren Luftraum und ihre Häfen für den Verkehr aus und nach Katar gesperrt hatten. Katarische Staatsbürger mussten umgehend ihre Koffer packen. Selbst katarische Kamele, die traditionell auf saudischer Seite weiden durften, wurden ausgewiesen. Oder von Saudis geklaut, wie nun viele in Doha behaupten.

Katars Gegner wollen das politisch renitente Emirat wieder auf einen stramm prosaudischen, antiiranischen Kurs zwingen und ihm jede eigene geopolitische Ambition austreiben. Sie haben Katar nie seine Rolle in den Arabellionen von 2011 verziehen. Während alle anderen Golfstaaten die Maulkörbe für ihre Medien fester zurrten, berichtete der Fernsehsender Al-Dschasira live vom Geschehen. Sein Finanzier, das katarische Herrscherhaus, schwang sich zum Großsponsor der oppositionellen Muslimbruderschaften von Tunesien bis Syrien auf. Die sind wahrlich keine demokratische, aber eine deutlich gemäßigtere islamistische Strömung als der saudische Wahhabismus.

Der Forderungskatalog, der Doha mitsamt einem Ultimatum überreicht worden war: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Iran, Schließung von Al-Dschasira, Auslieferung von "Terroristen", womit vor allem Exilanten aus Ägypten und Saudi-Arabien gemeint sind, finanzielle Kompensation an die Nachbarländer für die Schäden "katarischer Einmischung" – um nur einige zu nennen. Es geht, mit anderen Worten, um einen Kniefall: Und den, da sind sich Diplomaten und Experten in Doha einig, wird es in Katar ebenso wenig geben wie einen inneren Aufstand gegen den Emir.

Der 37-jährige Herrscher Tamim bin Hamad al-Thani hat seit vier Wochen den Spitznamen "Tamim, der Glorreiche". Sein Porträt mit elegantem Schnauzbart und kühnem Clark-Gable-Blick hängt an den Fassaden von Wolkenkratzern und an Baukränen, es klebt auf Kühlerhauben, Heckscheiben, Schulheften, Smartphones, T-Shirts oder Fähnchen auf dem Suk Wakif. Für den Glorienschein ist es etwas zu früh, aber bislang hat Katars Herrscher erstaunlich schnell und geschickt reagiert.

Es wurden neue Routen für den Schiffsverkehr etabliert, von dem das ökonomische Herzstück des Emirats, der Export von Flüssiggas, abhängt. Kamen fast sämtliche Lebensmittel bislang über den Landweg aus Saudi-Arabien, so isst man jetzt Gemüse, Fleisch, Reis aus dem Iran und Indien. Die Türkei hat neben Joghurt gleich noch ein Kontingent Soldaten entsandt. Außerdem wächst der Druck aus Washington, wo sich Donald Trump zwar als bester Freund des saudischen Königshauses gibt, das Pentagon und das State Department aber zunehmend enerviert auf den arabischen Bruderkampf reagieren. Der stört den Krieg gegen den "Islamischen Staat". Denn dieser Krieg wird vom US-Stützpunkt bei Doha aus befehligt.

Bis auf Weiteres ist Katar gut abgesichert dank fortlaufendem Gasgeschäft, iranischer Gemüse-Luftbrücke, türkischen Soldaten und amerikanischen Kampfbombern – eine Kombination von Partnern, die sonst nirgendwo möglich wäre. Und doch werden die menschlichen Kosten spürbar. "Mein Stamm hat über 300.000 Mitglieder, über die ganze Region verstreut", sagt Marjam al-Subajeh, der vor Empörung die Stimme verrutscht. "Einige meiner besten Freunde leben in Bahrain und in den Emiraten. Die kann ich alle nicht mehr besuchen. Mein Gott, ich dachte, unsere Länder wären endlich erwachsen geworden."