Als ich klein war, lehnte ich mich gerne mit dem Rücken an einen antiken Tisch, oder ich starrte auf ein altes Bild und berührte seinen Rahmen: In meiner Fantasie stellte ich mir dann vor, dieses Stück könnte mir aus seinem Leben flüsternd erzählen. Was hat dieser Tisch aus dem 18. Jahrhundert alles erlebt? An welchen Wänden hing wohl dieses Bild aus den zwanziger Jahren schon?

Diese Faszination hat mich nie wieder losgelassen. Einmal wurde ich ins Lager eines Antiquitätenhändlers in Arezzo in der Toskana vorgelassen, der seine Türen nur auf persönliche Verabredung öffnete. Er zeigte mir ein 500 Jahre altes Pult, das Michelangelo gehört haben soll, und einige Möbel, die das Prädikat "prima mano" trugen, also seit ihrer Erschaffung nie restauriert worden waren. So sah man etwa an den Beinen von Stühlen oder Tischen die Spuren der feuchten Sägespäne, mit denen jahrhundertelang die Böden gewischt wurden.

In Arezzo lernte ich damals aber auch einen Restaurator kennen, der mir versicherte – und eindrucksvoll belegte –, dass es nichts gebe, was er aus alten Hölzern nicht fälschen könne.

Jedenfalls kann ich bis heute an keinem Trödelmarkt, keinem Antiquitätenladen vorbeigehen, und auch Auktionskataloge kann ich nicht einfach liegen lassen. Immer ist da die Hoffnung, das eine seltene Stück zu finden, von dem der Verkäufer nicht weiß, was es mir wert ist. Und immer ist da natürlich die durchaus auch anstachelnde Angst, einem Betrug aufzusitzen.

Eine gute Kunstmarktseite stelle ich mir wie einen Lotsen vor, der durch diese Welt von gestern führt, durch Klippen der Fälschung und Abgründe von Irrationalität. Warum zum Beispiel sind die meisten Biedermeiermöbel kaum noch etwas wert? Wieso kostet ein kurz nach der Französischen Revolution fertiggestellter Aubusson-Teppich heute bloß noch einen Bruchteil dessen, was er vor 15 Jahren wert war? Warum stehen Maler aus dem 19. Jahrhundert plötzlich hoch im Kurs? Wann platzt die nächste Kunstmarktblase? Wer hypt welchen zeitgenössischen Künstler und aus welchem Grund? Eine gute Kunstmarktseite klärt auf und erfüllt Sehnsüchte: Dieser Markt ist nicht nur für Millionäre da, er erlaubt vielen die Teilhabe an einer Vergangenheit, die sonst unzugänglich bliebe. Es soll auf dieser Seite um Zahlen gehen, genauso wie um Leidenschaften, um Geschmack und Zeitgeist. Und im besten Falle übersetzt sie auch das Flüstern eines Tischs, das die Menschen noch Generationen nach uns in den Bann schlagen wird.

Ich freue mich auf die neu konzipierte Kunstmarktseite, die von nun an jede Woche im Wirtschaftsteil der ZEIT erscheint!

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