Mein Freund heißt Mosafer und ist aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Er ist 26, ein sensibler Mann, großherzig und hilfsbereit. Wir haben uns im Sprachcafé kennengelernt. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. "Hallo, ich bin Caro", habe ich gesagt. So hat es angefangen. Für die meisten Menschen sind wir kein gewöhnliches Paar.

Ich merke oft, wie sich die Köpfe nach uns umdrehen, wenn wir Hand in Hand durch die Fußgängerzone schlendern. Selbst mein Bruder ist anfangs ziemlich distanziert gewesen. Dabei arbeitet er fürs Rote Kreuz und hat beruflich mit Geflüchteten zu tun. Irgendwann hat Mosafer meinen Bruder gefragt: "Was hast du gegen mich?" Dann haben sie zum ersten Mal richtig geredet. Seitdem ist das Misstrauen weg. Nur von den Behörden werden wir immer noch nicht ernst genommen.

Als wir uns kennenlernten, lebte Mosafer in einer Erstaufnahme-Massenunterkunft in Bielefeld. Einen Monat später musste er in eine Kommune bei Köln ziehen, im Sinne der Verteilungsquote. Es war für uns beide ein Schock. Zwischen uns liegen jetzt drei Stunden mit dem Regionalzug. Ich fahre regelmäßig zu Mosafer. Zu mir zu fahren ist für ihn zu teuer. Wir treffen uns im Park, machen Musik oder laufen durch die verregnete Stadt. Wir halten Händchen und küssen uns, auch in der Öffentlichkeit. Für Mosafer war das anfangs ungewohnt, in Afghanistan ist das ja tabu. Manchmal übernachte ich auch bei ihm in seiner neuen Unterkunft. Trotz Verbot. Wo sollten wir sonst bleiben?

Mosafer hat das Gefühl, dass sein Leben stillsteht. Er schämt sich dafür, überall auf Hilfe angewiesen zu sein und auf Kosten anderer zu leben. Ich mache ihm dann Mut. Bei den Ämtern haben sie uns so ernst genommen wie zwei verliebte Teenager. Nämlich gar nicht. Tausendmal haben wir gehört: "Da sind mir leider die Hände gebunden." Aber das bringt uns nicht auseinander. Wir lieben uns. Und trotzdem habe ich Angst um unsere Liebe.

Wenn ich Nachrichten über Abschiebungen nach Afghanistan lese, werden mir immer die Knie weich. Nichts ist gewiss, wenn dein Leben von der Laune eines Behördenmitarbeiters abhängt oder von den Entscheidungen des Innenministers. Mosafer und ich reden viel darüber. Ich würde ihn auch sofort, ohne mit der Wimper zu zucken, in ein sicheres Herkunftsland begleiten. Aber Afghanistan? Afghanistan ist lebensgefährlich.

Aufgezeichnet von Alexander Krützfeldt

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