Einst war der Jazz ein Soundtrack zur Revolte, nicht nur in Chicago, nicht nur in New York, auch in Hamburg. Vor dem Alster-Pavillon trafen sich die Swing-Kids und provozierten die Nazis mit ihrer "Negermusik". Nach dem Krieg wurden aus ungenutzten Bunkerräumen improvisierte Bebop-Katakomben, und als Lionel Hampton und Louis Armstrong die Stadt besuchten, lag hinterher das Mobiliar in Trümmern. Einen wahrhaft "legendären" Jazzclub aber bekamen die Hamburger erst viele Jahre später: das Onkel Pö, das nach kurzem Auftakt in Pöseldorf am 1. Oktober 1970 im Eppendorfer Lehmweg 44 eröffnet wurde.

Der Jazz hatte da seine wildesten Zeiten schon hinter sich. Er hatte weggefegt, was ihm im Weg stand, und umarmt, was ihm gefiel. Alles war nun möglich. Und diese postrebellische Gelassenheit machte wohl auch das Onkel Pö so groß. Hier wurden keine Grenzen eingerissen, keine Glaubenskämpfe mehr ausgefochten. Rock, Blues und Funk mussten nicht draußen bleiben. Die Gästeliste reichte von Art Blakey bis Attila Zoller, und 1981 trat hier, Jahre vor ihrem Durchbruch, eine irische Band namens U2 auf.

Dass der Laden mit vollem Namen Onkel Pö’s Carnegie Hall hieß, war nicht nur ironisch gemeint. Eine Eckkneipe war diese Carnegie Hall, verraucht, holzvertäfelt, kein rechter Winkel, nirgends. Doch glaubt man den Dabeigewesenen, hatte sie die beste Akustik bis zum Bau der Elbphilharmonie. Holger Jass war dabei, 1979 übernahm er den Club von seinem Vorgänger, dem verehrten Peter Marxen. "Wenn wir 300 Leute reingequetscht haben, war es kuschelig voll", sagt er. "Bei 350 wurde es ein bisschen eng. Aber es gab Tage, da hatten wir, alkoholbedingt, den Überblick verloren ... Gott sei Dank waren es Jazzer, die sind pflegeleicht und lassen sich leicht stapeln."

Umso schöner, dass man jetzt auch als nicht Dabeigewesener reinhören kann bei Onkel Pö. Denn immer wieder war der NDR mit viel exquisiter Technik da und hat nun fünf Live-Mitschnitte aus seinem Archiv herausgebracht: At Onkel Pö’s Carnegie Hall. Es spielen Bebop-Urvater Dizzy Gillespie (1978), Chet Baker (1979), Funk-Brother Johnny "Guitar" Watson (1976), der Blues-Gitarrist Albert Collins (1980) und Elvin Jones (1981), der im Coltrane-Quartett am Schlagzeug saß. Eher Altmeister also als Avantgarde. Aber wie!

Dizzy Gillespie, mit einem unbändigen Rodney Jones an der Gitarre, bläst seine himmelwärts gebogene Trompete so funky, wie man es selten gehört hat. Der bestürzend gealterte Chet Baker bringt mit seinem Quartett das Kunststück fertig, für fünf Klassiker-Interpretationen 100 Minuten zu brauchen, ohne einen Ton zu viel zu setzen. Das betörendste Set aber liefern Elvin Jones und seine Jazz Machine. Mit gleich zwei Tenorsaxofonisten brechen sie immer wieder laut ins Offene aus, um im nächsten Moment zarte Melodiebögen zu spannen.