Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Eine Zeitungsmeldung hat mein Schicksal verändert, jetzt ist sie dabei, das Schicksal meines Landes zu verändern. Vor zwei Jahren führte mein Bericht über den Waffentransport des türkischen Geheimdienstes nach Syrien dazu, dass ich erst eingesperrt, dann Ziel eines Attentats wurde und schließlich ins Exil nach Deutschland ging. Als die Regierung behauptete, Quelle der Meldung sei die Gülen-Bewegung, schrieb ich, ohne Namen zu nennen: "Ein linksgerichteter Abgeordneter brachte die Aufnahmen vorbei." Daraufhin listete der Geheimdienst sämtliche Telefonate auf, die ich an jenem Tag geführt hatte, und stellte fest, dass ich mit drei Abgeordneten telefoniert hatte und das Signal von Enis Berberoğlus Telefon aus der Nähe der Cumhuriyet- Redaktion kam. Da meinte man, er sei der Schuldige. Nun wurde Berberoğlu vor drei Wochen zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil er angeblich "Geheimdokumente zu Spionagezwecken besorgt" habe.

Die beiden Vorsitzenden und zehn Abgeordnete der drittgrößten Partei HDP sind schon in Haft. Mit Berberoğlu kam aber erstmals ein Abgeordneter der größten Oppositionspartei CHP, zudem ihr Vize-Vorsitzender, dazu. Daraufhin behaupteten die regierungsnahen Medien, Berberoğlu habe die Dokumente von dem CHP-Chef Kılıçdaroğlu erhalten. Die Partei, der er seit 2010 vorsteht, hat ihm oft Passivität vorgeworfen, aber nun, nach Berberoğlus Verhaftung, erklärte er: "Morgen starte ich einen Protestmarsch. Wer will, schließe sich an", und machte sich mit einem Plakat mit dem Wort "Gerechtigkeit" auf den Weg von Ankara nach Istanbul.

Seit drei Wochen schwillt die Menge der Mitmarschierenden an. Als dieser Text entstand, war Erdoğan noch unentschieden, ob er eine imposante Begrüßung in Istanbul mit einer Million Menschen zulassen oder den Marschieren den Weg abschneiden soll. Fest steht allerdings schon, dass er es jetzt mit einer soliden Opposition auf der Straße zu tun hat und sich für die in der Zeitungsmeldung aufgedeckte Straftat, die er zu verheimlichen trachtete, wird verantworten müssen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe