Gut gerüstet steht Prinz Hans mit Rucksack und Wanderstab vor dem Abgrund, den Blick auf die Bergkuppen am Horizont gerichtet. Schon das Buchcover von Øyvind Torseters eindrucksvollem Comic Der siebente Bruder verspricht ein großes Abenteuer, wenngleich man den Prinzen nicht sofort als solchen erkennt. Dieses Wesen, halb Mensch, halb Tier, mit schlaksiger Statur und einem knuddeligen Kopf, erinnert an Tove Janssons nilpferdartige Muminfiguren. Ganz bodenständig hat Hans sich eine zusammengerollte Schlafmatte unter den Rucksack geschnallt, und statt königlicher Robe trägt er einen Hoodie. Ist ja auch viel bequemer für die bevorstehende Reise. Des Prinzen Mission: inmitten der Wildnis, weit weg vom Königshof, seine vermissten Brüder finden.

Torseters Comic ist eine Adaption des norwegischen Volksmärchens Der Riese, der kein Herz im Leibe hatte. Darin schickt ein König sechs seiner sieben Söhne zur Brautsuche in die Welt. Sie finden zwar heiratswillige Prinzessinnen, werden auf der Rückreise jedoch von einem Troll allesamt in Stein verwandelt. Der jüngste Bruder macht sich sodann auf, sie zu retten.

Das Nesthäkchen, das am Ende obsiegt, ist eine archetypische Figur vieler norwegischer Märchen, herzensgut und stets hilfsbereit, aber auch ein Müßiggänger einfachen Gemüts. Durch unvermittelte übernatürliche Hilfe oder unerwartete taktische Raffinesse gewinnt er am Ende meist Frau, Gold oder Königreich. So auch in dieser Geschichte. Hans wagt sich vor in die Höhle des Trolls. Nur wer dessen Herz zerstört, kann ihn besiegen. Allerdings trägt das Biest es nicht im Körper, sondern hält es gut versteckt in den Tiefen seiner Höhle. Natürlich spürt Prinz Hans es auf, vernichtet die Bestie und befreit auch gleich noch eine entführte Prinzessin, die eine vortreffliche Braut abgibt.

Torseter manövriert seinen Comic recht eng an der Märchenvorlage entlang, erlaubt sich aber kleine Skurrilitäten, etwa durch die Einführung animalischer Sidekicks. Da treten auf: sein absolut abenteuerunwilliges Pferd, ein sprechender Elefant und ein gigantischer saxofonspielender Krake. Besonders gelungen ist, wie Torseter aus den üblicherweise schablonenhaften Märchenfiguren echte Charaktere formt. Hans ist auch deshalb so sympathisch, weil er bei den Banalitäten seines Heldenalltags gezeigt wird, etwa beim Toilettengang auf dem für ihn viel zu großen Trollklo. Und weil der wortkarge Prinz stets am Erfolg seiner Mission zweifelt. Er äußert sich immer bemerkenswert ironisch und distanziert zu den wundersamen Ereignissen um ihn herum. Die versklavte Prinzessin, die mit tiefem Dekolleté und Superhelden-Umhang an eine Lara Croft erinnert, ist sogar noch sarkastischer, was den potenziell tragischen Ausgang ihres Schicksals betrifft. Überhaupt wird die märchenhafte Handlung durch den schnodderigen und lakonischen Sound der Dialoge, die Maike Dörries in ihrer knackigen Kürze stimmig aus dem Norwegischen übersetzt hat, immer wieder angenehm geerdet.

Die größte Meisterschaft aber zeigt sich in den Bildern: Einfachheit und Auslassung werden bei Torseter zum ästhetischen Prinzip erhoben. Das Skizzenhafte ist bei ihm nie nur Vorstudie, sondern bereits vollendete Illustration, deren rohe Gemachtheit er bewusst ausstellt. Die Umrandungen seiner Figuren zeichnet Torseter mit schwarzer Tinte, lässt die verschiedenen Bildebenen sich immer wieder überlagern und ineinander übergehen. Während die Flächen der Figuren meist weiß bleiben, sind Vorder- und Hintergründe mit Acryl-, Pastell- und Wasserfarben koloriert. Da Torseter die einzelnen Elemente zum Teil auf verschiedenen Papieren zeichnet, diese dann ausschneidet und sie als Collagen neu zusammensetzt, sind die einzelnen Panels zudem kreuz und quer von Papierkanten durchzogen. Selbst die Schrift ist für den Illustrator eine Spielwiese, etwa wenn er den vor Wut rasenden Unhold seitengroß in krakeligen Buchstaben brüllen lässt: "Gib mir das Herz!"

Unglaubliche Kraft entwickeln vor allem die ganz- und doppelseitigen Bilder in ihrem Detailreichtum genauso wie in ihrer plakativen Reduktion. Nicht nur Kinder werden darauf Torseters Lust am Morbiden lieben, die ihren Höhepunkt in der Darstellung des Trolls – einer Art riesenhaften Gollum – findet.

Die Wucht solcher Bilder ist beeindruckend, aber auch verstörend und angsteinflößend, weshalb dieses Märchen sich erst für ältere Kinder empfiehlt. Kurzweilig ist die Lektüre allemal, was auch am irrwitzig hohen Tempo liegt. Torseter erzählt die Geschichte über 120 Seiten als wilden Hochgeschwindigkeitstrip. Wie von einem frei assoziierenden Kind erdacht, folgen die Ereignisse Schlag auf Schlag. Man fühlt sich an ein Computerspiel erinnert, in dem der Held erfolgreich Level für Level durchläuft.

Bei aller Verspieltheit bleibt Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas, so der vollständige Titel, ein sehr organischer Comic, dessen rauschhafte Handlung sich zum Ende hin, wenn Hans alle Widerstände überwindet, zu einer fast apokalyptischen Dramatik verdichtet. Inhaltlich erfindungsreich, formal raffiniert und kompositorisch spannend, zündet Øyvind Torseter ein ästhetisches Feuerwerk – für Kinder, für Erwachsene, für alle.

Øyvind Torseter: Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas. Deutsch von Maike Dörries; Gerstenberg Verlag 2017; 120 S., 26,– €; ab 10 Jahren