Nach fast vier Jahrzehnten ist die Herrschaft der gestrengen Deutschen im Katholizismus vorbei. Mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller an der Spitze der vatikanischen Glaubenskongregation entfernte Papst Franziskus nun den letzten von den Schaltstellen der Macht. Bis dahin war Müller so etwas wie der theologische Nachlassverwalter des Joseph-Ratzinger-Erbes gewesen. In gleicher Position hatte Ratzinger als oberster Hüter der Lehre unter Johannes Paul II. und dann als Papst Benedikt XVI. die Kirche über Jahrzehnte auf Disziplin, Gehorsam und Glaubensstrenge gedrillt.

Dass Kardinal Müller mit dem südamerikanischen Temperament des neuen Papstes wenig anfangen kann, war dem Deutschen seit Jahren anzusehen. Franziskus, so Müllers steter Vorwurf, lasse es an theologischer Schärfe fehlen. Offen kritisierte er auch die päpstliche Laxheit im Umgang mit Geschiedenen, die erneut heiraten. Und er bemängelte, der Papst mische sich zu sehr in Müllers Personalhoheit ein.

Papst Franziskus tut nichts, um dem Geschassten die Degradierung mit einem Pöstchen zu versüßen. Das ist Absicht. Den Gegnern soll das Exempel Müller zeigen, dass der Pontifex nicht nur barmherzig ist und lebensfroh, sondern mitunter auch hart. Eine ungehorsame Kurie, weiß Franziskus, kann er sich bei aller Liebe zur Rede- und Gedankenfreiheit nicht leisten. Als Papst braucht er die Loyalität des Apparats, um ebendiesen zu verändern. Und wo der Apparat nicht willig ist, braucht Franziskus Gewalt. Führung, das hat Ratzinger ihn gelehrt, geht manchmal nicht ohne deutsche Tugenden: Auch er wollte vor vierzig Jahren seine Kirche reformieren. Das hat vielen nicht gefallen. Geschafft hat er es trotzdem, auf klassische Art: Bestrafe die Feinde, belohne die Freunde, umarme die Reuigen, und verstoße die Sturen. Und Franziskus war ein gelehriger Schüler. Schon jetzt hat der Papst mit seiner Strenge die katholische Kirche mindestens so verändert wie mit seiner Liebe zu den Armen. Es ist nicht nur das Lachen, das ihn überzeugend macht, sondern auch die Härte, in der sich sein Reformwille ausdrückt.

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