DIE ZEIT: Mr. Weller, vor vierzig Jahren unterschrieben Sie mit Ihrer damaligen Band The Jam den ersten Plattenvertrag. Sie bekamen sechstausend Pfund. Was haben Sie mit dem Geld gemacht?

Paul Weller: Wir bekamen das Geld in bar, weil wir so bettelarm waren, dass wir kein Bankkonto hatten. Mein Vater, unser Manager, verwaltete es und zahlte jedem von uns ein Gehalt von vierzig Pfund pro Woche aus.

ZEIT: Ihr neues Soloalbum heißt A Kind Revolution. Haben Sie jemals gegen Ihren Vater rebelliert?

Weller: Wogegen hätte ich da rebellieren sollen? Mein Vater sagte tatsächlich mal zu mir: "Es ist sicher ein Problem für dich, dass du nicht gegen mich rebellieren kannst. Da gibt es ja nichts." Und das stimmte: Mein Vater und auch meine Mutter unterstützten mich mit voller Hingabe. Sie hatten beide furchtbare Jobs, meine Mutter arbeitete als Putzfrau, mein Vater auf dem Bau. Ich habe keinen akademischen Hintergrund. Dass ich eine Universität besuche, stand niemals zur Debatte.

ZEIT: Welche Zukunft war für Sie vorgesehen?

Weller: Leute wie ich verließen die Schule, um dann für den Rest ihres Lebens in Fabriken oder auf Baustellen zu arbeiten. Als ich sechzehn war, kam ein Berufsberater in meine Klasse und fragte, welche Pläne ich denn für die Zeit nach der Schule hätte. Ich antwortete, dass ich in einer Band spielen wolle, um davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Mann bekam einen Lachanfall, schaute mich dann mitleidig an und schickte mich kopfschüttelnd raus. Der Klassiker. Meine Eltern waren nicht so. Mein Vater ermahnte mich nur, die Musik mit voller Hingabe anzugehen, dann werde es schon klappen. Daran habe ich mich gehalten.

ZEIT: Als Sie Ende der siebziger Jahre mit The Jam berühmt wurden, waren Sie ein besonders zorniger junger Mann, der gegen Gott und die Welt wetterte. Woher kam Ihre Wut?

Weller: Ich war ein Teenager, als wir mit The Jam begannen. Ist nicht jeder Teenager wütend auf die Welt? Ich habe sieben Kinder, damit kenne ich mich aus. Meine Teenager-Kinder sind heute genauso wütend auf die Welt wie ich damals. Das ist doch ein Alter, in dem einem alles falsch vorkommt. Aber ich hatte Glück als Teenager. Damals kam Punk auf, das bot einem wie mir Heimat und Identität. Punk war gegen das Establishment, gegen die Regierung und gegen alles, was mir auf die Nerven ging.

ZEIT: Sie verkündeten damals in Interviews, Margaret Thatcher zu erschießen, falls sich die Gelegenheit dazu biete ...

Weller: ... das würde ich heute noch tun. (lacht) Da hat sich meine Haltung nicht geändert. Thatcher hat die Gewerkschaften entmachtet und die Arbeiterklasse betrogen. Letztlich hat sich England nie von ihrer Regierungszeit erholt.

ZEIT: Wie wohl fühlen Sie sich denn in England?

Weller: Ich habe mich in den vergangenen Jahren verdammt wohlgefühlt hier. Wir Briten hatten uns zuletzt positiv entwickelt: Ich hatte den Eindruck, dass wir weniger rassistisch und homophob geworden sind und tatsächlich moderner. Aber dann kam der Brexit. Ich habe mich also geirrt. Meine Frau erzählte mir gestern, sie habe eine Statistik gelesen, nach der wir in der friedlichsten Periode der Menschheitsgeschichte leben. Wohl alles eine Frage der Perspektive. Wenn Sie mich fragen, ist das jetzt gerade die finsterste Zeit, an die ich mich erinnern kann.

ZEIT: Im Booklet Ihres neuen Albums wünschen Sie dem kürzlich verstorbenen Status-Quo-Gitarristen Rick Parfitt, dass er in Frieden ruhen möge. Stimmt es, dass das erste Konzert, das Sie besuchten, ein Auftritt von Status Quo war?

Weller: Ricky Parfitt kam, so wie ich, aus der Kleinstadt Woking. Mein Vater war mit seinem Vater befreundet. Ricky half uns in den Anfangstagen von The Jam sehr, mit Tipps und Ausrüstung, wann immer wir in Not waren. Ich war vierzehn, als ich zu einem Status-Quo-Konzert durfte. Was mich daran elektrisierte, war die schiere Wucht ihrer Musik. Ich kannte Musik nur von schrottigen Plattenspielern und scheppernden Radios. Mir war bis dahin nicht bewusst gewesen, dass man Musik auch so laut hören kann. Die Energie, die von der Bühne kam, traf mich in den Magen, wie ein Schlag mit der Faust. In meinem Kopf war nur ein Gedanke: "Das ist es!"

ZEIT: Eine Ihrer ersten großen Tourneen war damals als Vorgruppe von The Clash. Deren Sänger Joe Strummer erinnerte sich später, dass Sie in den USA im Tourbus stundenlang wehmütig auf eine Postkarte ihres Heimatortes Woking gestarrt hätten. In den USA sind Sie dann ja auch nie ganz groß rausgekommen. War Ihnen das zu weit weg?

Weller: Ich erinnere mich an diese erste USA-Reise und dass ich den Boss meiner damaligen Plattenfirma traf, so ein wichtiger alter Knabe. Der hielt mir dann erst mal einen Vortrag darüber, was ich alles tun müsse, um in den USA Erfolg zu haben: Wir sollten in jeder Spelunke in der tiefsten Provinz spielen, und das mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht länger, nonstop. Er redete und redete, und eine Stimme in meinem Kopf sagte: Das werde ich nicht machen! Ich war neunzehn und hatte einfach keine Lust, länger als zwei Wochen so weit weg von zu Hause unterwegs zu sein. Dass ich es nicht in den USA geschafft hätte, bekomme ich immer wieder mal zu hören. Stimmt. Aber weil ich eben keine Lust dazu hatte. Ich habe früh entschieden, es nicht mal zu versuchen.

ZEIT: Sie haben Ihr Publikum immer wieder mit rasanten Stilwechseln in Ihrer Musik herausgefordert – von Rock ’n’ Roll über Soul bis zum Folk- und Art-Rock. Wollen Sie Ihr Publikum musikalisch erziehen?

Weller: Das hat mehr mit mir zu tun. Ich will immer weiter, zu neuen Ufern. Deshalb übe ich jeden, wirklich jeden Tag mindestens eine Stunde Gitarre. Man darf nicht stehen bleiben. Mir wird auch tatsächlich schnell langweilig, obendrein treibt mich das Gefühl, dass ich meinen besten Song noch lange nicht geschrieben habe.