ZEIT: Ich habe nur die Schwierigkeiten beschrieben, die es im Moment gibt.

Erdoğan: Die doppelte Staatsbürgerschaft, es gibt bereits mehr als eine Million, die sie haben. Wollen Sie jetzt sagen, dass Sie ihnen dieses Recht wieder wegnehmen werden?

ZEIT: Ich nehme ihnen gar nichts weg. Ich habe nur die Gefahr beschrieben, die nun besteht.

Erdoğan: Das könnten Sie niemandem erklären. Es gibt ja Grundrechte, die man nicht zum Gegenstand einer Erpressung machen kann. Sie gehören zu den universellen Rechten. Das ist keine gewöhnliche Sache. Wir sind zusammen in der Nato, wollen gute Beziehungen haben, und dann Erpressung. Wozu? Um einen Terrorverdächtigen zu retten. Dass Frau Merkel überhaupt die Rettung eines Terrorverdächtigen auf die Tagesordnung bringt, war für mich auch sehr, sehr sonderbar.

ZEIT: Noch mal: Deniz Yücel hat mit dem Terror nichts zu tun!

Erdoğan: Warum setzt man sich so sehr für eine Person ein? Das ist nicht zu verstehen.

ZEIT: 2008 haben Sie in Köln gesagt, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Würden Sie dieses Wort heute zurücknehmen oder abschwächen?

Erdoğan: Nein, ich würde das Gleiche wiederholen. Integration ist etwas anderes. Ich habe Ja zur Integration, Nein zur Assimilation gesagt.

ZEIT: Was verstehen Sie unter Assimilation?

Erdoğan: Dass die Identität der Menschen ausgetauscht wird. Dass sie ablassen von ihrer Religion, ihrer Sprache. Es bedeutet, dass die Identität und Persönlichkeit eines Menschen ausgetauscht wird. Dazu können wir nicht Ja sagen. Aber auch wir sind für Integration. Das bedeutet, dass die Türken sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Dass sie die deutsche Sprache so gut wie möglich lernen, sich anpassen können an die Traditionen. Aber wenn sie all das tun, sollen sie die eigene Sprache, Tradition, Religion nicht vergessen. Und unsere Landsleute in Deutschland machen das auch so.

ZEIT: Die eigene Identität wird am stärksten durch das geprägt, was man seit Jahrzehnten kennt. Kann man nicht jedem Menschen selbst überlassen, wie weit er sich assimilieren möchte?

Erdoğan: So wie Deutschland versucht, seine Werte zu bewahren, so versucht es auch die Türkei. Das sollte niemanden stören. Wenn wir das dann mit der deutschen Seite besprochen haben, hieß es immer: Sie haben recht, dagegen kann man nichts sagen. Grundrechte können einem nicht mit Zwang genommen werden. Wir haben ein Sprichwort: Sie können keinen Hund zur Jagd zwingen.

ZEIT: Verurteilen Sie türkischstämmige Menschen, die ihren türkischen Pass abgeben und nur noch den deutschen behalten? So wie unsere Redakteurin Özlem Topçu, die ich heute sehr gern mitgenommen hätte zu diesem Interview, was leider nicht gestattet wurde?

Erdoğan: Das ist deren eigene Wahl. Wir sind eine konservativ-demokratische Partei und sagen das, was unseren Prinzipien entspricht. Ein Sozialdemokrat denkt da vielleicht anders, das interessiert mich nicht. Und weil wir als konservative Demokraten so denken, wie wir es tun, haben wir in der Türkei 52 Prozent der Stimmen.

ZEIT: Beim Referendum haben Sie von den Türken im Ausland sogar mehr Stimmen bekommen als in der Türkei, auch in Deutschland.

Erdoğan: Das bedeutet, es gibt da ein Einverständnis. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht dennoch in dem Land integrieren muss, wo man lebt. Meine Landsleute müssen mit Deutschen zusammenleben können. Ihr Nachbar und Freund werden, keine Probleme darstellen.

ZEIT: Und auch nicht die Konflikte der Türkei nach Deutschland exportieren: Das ist ja die Angst der Bundesregierung.

Erdoğan: Was für Konflikte meinen Sie?

ZEIT: Die innenpolitischen Konflikte der Türkei in Deutschland auszutragen, also Feinde von Erdoğan gegen Anhänger von Erdoğan, Kurden gegen Türken, all diese Spannungen.

Erdoğan: Okay, aber dann will ich Ihnen sagen: Wenn Sie die Terrororganisation in der Türkei in Deutschland unterstützen und das in die Türkei tragen, ist das für uns ein Problem. Diese Leute können mitten in Berlin ein Zelt aufschlagen, Poster vom Terroranführer aufhängen. Sie bedrohen türkische Geschäftsleute und treiben Geld ein, das sie in die Türkei schaffen ...

ZEIT: ... ich sagte Ihnen bereits: Die PKK ist auch in Deutschland verboten ...

Erdoğan: ... dann, während des Referendums, sehen Sie Leute, die mit den Lumpen der Terroristen posieren und Fotos machen. Sogar die Vorsitzenden einer Partei machen da mit. Wie soll man das erklären? Und diese Menschen nennen mich einen Diktator. Sie sollten erst einmal nachschlagen, was das ist, ein Diktator!

ZEIT: Lassen Sie uns über andere starke Männer reden. Zu wem spüren Sie im Moment größeres Vertrauen: zu Putins Russland oder zu den Amerikanern unter Trump?

Erdoğan: Stellen Sie uns doch nicht vor so eine Wahl, dazu haben Sie kein Recht! Wir sind die Türkei, wir entwickeln unsere Beziehungen zu Amerika auf die beste Weise, ebenso wie mit Russland. Es dauert zehn Stunden von hier bis nach Amerika, zweieinhalb Stunden nach Russland. Wir haben eine gemeinsame Seegrenze mit den Russen im Schwarzen Meer, die Russen belegen Platz zwei im Tourismus, nach den Deutschen. Vielleicht steigen sie auf Platz eins. Das Außenhandelsvolumen soll auf 100 Milliarden Dollar steigen, das ist das Ziel. Das Handelsvolumen mit den USA ist stark gefallen. Jedes Land auf der Welt verfolgt seine Interessen. Wir natürlich auch. Unser Hauptenergielieferant ist Russland. Wir realisieren zusammen das Gaspipeline-Projekt "Turkish Stream", bauen gemeinsam am Atomkraftwerk Akkuyu, wir hoffen, dass es 2023 fertiggestellt werden kann. Das alles verstärkt unsere Beziehungen.

ZEIT: Am heutigen Montag, dem Tag unseres Interviews, ist das Ultimatum, das Saudi-Arabien an Katar gestellt hat, um zwei Tage verlängert worden. Sie sind mit beiden Ländern immer sehr eng verbunden gewesen. Kann sich die Lage dort noch entspannen? Oder glauben Sie, dass das Ganze auf einen sehr gefährlichen, vielleicht auch militärischen Konflikt hinauslaufen wird?

Erdoğan: Das, was mit Katar gemacht wird, läuft dem internationalen Recht zuwider. In den 13 Punkten des Ultimatums geht es auch um die Türkei: Die Basis, die wir gerade dort bauen, soll geschlossen werden. Das ist eine Respektlosigkeit uns und Katar gegenüber. Wir haben 2014 ein Verteidigungsabkommen unterzeichnet. Das gleiche Abkommen habe ich Saudi-Arabien angeboten. Es geht dabei nicht allein um die Sicherheit Katars, sondern um die des Golfs. Dort sind auch die Amerikaner, mit 9.000 Soldaten, und auch die Franzosen. Warum fühlen sich die Saudis nicht davon gestört, aber von uns? Das ist inakzeptabel. Das widerspricht auch Katars international verbrieftem Recht. Zum Beispiel wollen sie, dass der Sender Al-Dschasira geschlossen wird. Was ist das für eine Pressefreiheit? So etwas geht doch nicht. Wir werden Katar auf jede Art unterstützen, denn wir teilen die gleichen Werte, haben gute Beziehungen, und wir können nicht ob der Ungerechtigkeit schweigen. Wir werden an der Seite des Opfers und des Rechts stehen. In dieser krisengeschüttelten Region sind wir nicht dafür, dass neue Krisen entstehen.

ZEIT: Ich weiß, dass unsere Zeit längst abgelaufen ist. Vielleicht interessiert es Sie noch, zu erfahren, wie die Bundesregierung die Lage vor einem Jahr beim Putsch einschätzt?

Erdoğan: Wenn Sie etwas wissen, natürlich. Dann erfahren wir ja auch, wer die wirklichen Täter des 15. Juli sind. (lächelt)

ZEIT: Die Bundesregierung geht davon aus, dass es eine Verschwörung von Teilen der Gülen-Bewegung gab, sie aber nicht zentral von der Gülen-Bewegung gesteuert wurde. Es war ein Putsch von Gülen-Mitgliedern, Kemalisten und Opportunisten. Daran waren nicht mehr als 8.000 Soldaten beteiligt. Das ist der Erkenntnisstand der deutschen Dienste.

Erdoğan: Deutschland sollte nicht das Land sein, dass die hochrangigen Täter schützt. Die im deutschen Nato-Hauptquartier befindlichen Soldaten sind in die Rolle von Asylbewerbern geschlüpft, und Deutschland hat das akzeptiert. Vertreter der Justiz sind nach Deutschland geflohen.

ZEIT: Jeder kann in Deutschland um Asyl ersuchen.

Erdoğan: Sie müssen diese Anträge nicht genehmigen.

ZEIT: Die Verfahren sind individuell.

Erdoğan: Da muss man erst fragen: Wer bist du? Du bist ein Terrorist! Warum bist du geflohen? Du bist Staatsanwalt in der Türkei und fliehst! Du bist Angehöriger der Armee, in der Nato, dein Dienst endet, du bleibst in Deutschland, warum? Geh doch in dein Land. Wenn du nicht schuldig bist, gibt es doch kein Problem. Wenn du schuldig bist, musst du in deinem Land vor Gericht.

ZEIT: Jeder Fall wird individuell behandelt. Die deutsche Seite sagte, gebt uns die Beweise.

Erdoğan: Ich habe 4.500 Akten übergeben. Alle Beweise sind darin enthalten.

ZEIT: Dann kann ein deutsches Gericht Putschisten auch verurteilen. Es muss sie aber nicht ausliefern, wenn das Gericht annimmt, dass denjenigen in der Türkei unmenschliche Haftbedingungen drohen oder gar Folter.

Erdoğan: Es gibt keine Todesstrafe in der Türkei. Erfindet keine Ausreden! 4.500 Akten habe ich Frau Merkel gegeben. Sie müssen diese Terroristen an die Türkei ausliefern. Solange Sie das nicht tun, wird die Türkei Deutschland als Land ansehen, das Terroristen schützt. Das solltet ihr wissen!

Mitarbeit: Özlem Topçu

Korrekturhinweis: Ursprünglich hatte es im Vorspann geheißen, Erdoğan habe seit fünf Jahren keinem ausländischen Printmedium ein Interview gegeben. Das stimmte nicht. Wir haben das korrigiert. Die Redaktion