Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Nur weil etwas nicht perfekt funktioniert, muss man es doch nicht gleich abschaffen. Das gilt auch für die Schweiz und ihr Parlament.

Aber der Reihe nach.

Der Erfolg der Protestparteien hat die europäischen Demokratien ins Wanken gebracht. In Frankreich holten Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon mehr als 40 Prozent der Stimmen. Pepe Grillo und die Lega kommen in Italien auf annähernd 50 Prozent. Podemos und Ciudadanos haben Spanien paralysiert. Ganz Österreich musste sich hinter den Kandidaten der Grünen stellen, um einen FPÖ-Bundespräsidenten zu verhindern. In den Niederlanden hat Geert Wilders zwar nicht die Wahlen, aber beträchtlich mehr Parlamentssitze gewonnen. Und in Griechenland reagiert die Linksaußen-Bewegung Syriza.

Ein Grund für den Erfolg dieser politischen Bewegungen ist die arrogante Haltung der europäischen Berufspolitiker. Sie haben sich eine eigene Kaste geschaffen, die sich gegenseitig Privilegien zuschanzt.

Und ausgerechnet von solch einer abgehobenen Politiker-Elite träumen nun einige Schweizer: Weil die Parlamentarier darüber klagen, sie hätten zu wenig Zeit für ihre Arbeit, wollen sie ein Berufsparlament einführen.

Ernsthaft?

In Frankreich engagieren Abgeordnete ihre minderjährigen Kinder als parlamentarischen Assistenten – und kassieren dafür ordentlich ab. In Italien liest man täglich von korrupten Politikern. In Brüssel waren europäische Parlamentarier gegen ein Entgelt von 100.000 Euro bereit, Gesetzesvorschläge im Rat einzureichen. Und all die Skandale in Spanien oder Griechenland zeigen, wie tief die Risse zwischen der Bevölkerung und der politischer Kaste sind.

Aber noch schlimmer sind für mich in dieser absurden Diskussion zwei Dinge. Um zu beweisen, dass die Parlamentarier überlastet sind, dass es also unmöglich ist, im Nebenamt im Parlament zu politisieren, rechnet man mit einem Arbeitspensum von täglich acht Stunden während 48 Wochen im Jahr. Das heißt, man vergleicht die parlamentarische Tätigkeit mit jener von Arbeitern oder Angestellten ohne leitende Funktion, anstatt mit den Jobs von Managern, Unternehmern oder Handwerkern, für die Zehn-Stunden-Tage üblich sind – und die nicht jedes Wochenende frei haben. So gerechnet, wird aus dem 80-Prozent-Job als Nationalrat plötzlich ein 50-Prozent-Pensum.

Vor allem aber bin ich erstaunt und verärgert über die fehlende Kreativität, den fehlenden Erfindungsgeist. Gibt es in der Ära der Digitalisierung keine programmierten Helferlein, die den Parlamentariern ihre Arbeit erleichtern? Gibt es keine überholten Verfahren oder Reglemente, die geändert oder abgeschafft werden könnten?

Und es gibt noch einen Grund, der gegen ein Berufsparlament spricht. Heute werden die National- und Ständeräte für ihre Tätigkeit zwar entschädigt, aber sie bekommen nichts an ihre Pension bezahlt. Das ist korrekt, weil die Altersvorsorge in einem Milizsystem durch den eigenen Beruf gedeckt werden soll. Wenn nun ein Abgeordneter neben seinem Amt keinen Beruf ausüben will und sich mit der parlamentarischen Entschädigung zufriedengibt, dann ist das sein gutes Recht – aber kein Grund, um das ganze System zu ändern. Denn Parlamentarier-Pensionen sind heikel. So ist es zum Beispiel ausgeschlossen, dass die Abgeordneten für die Auflösung des Parlaments stimmen, bevor ihre Ansprüche auf die Pension gereift sind. So geschehen Anfang Juni in Rom.

Kurzum: Unser Ziel muss es sein, das Schweizer Milizparlament zu retten und mit ihm die Verwurzelung der Politik in der Gesellschaft. Berufspolitiker brauchen wir nicht.