Das Leben mit Kindern gleicht einer unablässigen Konfrontation mit der eigenen Entfremdung. Ständig prallt kindlicher Trieb auf elterliche Vernunft. Das Kind entdeckt, der Erwachsene analysiert. Der kleine Mensch vergräbt die Hände im Matsch, der große schlägt sie über dem Kopf zusammen.

Besonders hübsch zu beobachten ist das auf Spielplätzen in urbaner Umgebung. Da sitzt ein Windelbaby in der Pfütze und setzt genussvoll ein rosa Sandförmchen mit brauner Brühe an, als sei es Kakao. Schon schnellt das Muttertier heran und entreißt ihm das Behältnis, als handele es sich um den Schierlingsbecher. Daneben lässt ein Dreijähriger einen vollen Sandeimer in die Matsche plumpsen. Herrlich, wie das spritzt! Noch mal! Ein beifallheischender Blick in die Runde. Doch die Resonanz im Elternpublikum fällt anders aus als erhofft: "Karl, hör auf, Matsch zu werfen, ich nehm dir gleich die Schaufel weg!" – "Nicht ins Wasser setzen, Sophie, sonst müssen wir nach Hause gehen."

Zumindest letztere Mahnung ist in der Regel glatt gelogen. Denn moderne Großstadteltern führen eine Ausrüstung mit, die Kinder locker durch eine zehntätige Trekkingtour im Himalaya bringen würde. Matschhose, Gummistiefel, Softshell-Jacke. Alles winddicht und schmutzabweisend. Wassersäule mindestens 8.000 mm. Atmungsaktivität wenigstens 500 g/m²/ 24 h. Was das bedeutet? Egal, klingt nach Sicherheit, nach einer Schutzschicht zwischen zarter Kinderhaut und derber Natur. Perfekt.

Während sich die Kleinen im Sommer gern einer Horde Wildschweine gleich im Wasserloch suhlen würden, sitzen die Großen in Bürohemden oder Espadrilles am Rand und denken angestrengt vor sich hin. Im Matsch spielen gehört zu einer glücklichen Kindheit dazu. Platsch! Ist super für die sensorische Entwicklung und trägt zur ökologischen Bildung bei. Spritz! Trainiert dank Mikroben und Keimen das Immunsystem. Schluck! "Jetzt reicht’s mal, Emma, komm da raus!"

Genug Naturereignisse für heute, als Nächstes geht’s ab in die Wanne, weg mit dem Dreck. Danach kann man den Kindern noch eine Runde Spielen auf dem Tablet zugestehen. Das ist dann nicht nur ein Trost für die vom Haarewaschen Gepeinigten, sondern entspricht endlich wieder der erwachsenen Alltagsroutine.