Aiham kam als Nachzügler zur Welt, als seine Brüder schon Teenager waren. Mariam Alhallak hat ein Foto von ihrem Jüngsten auf dem Smartphone gespeichert, da strahlt er mit roten Backen, ein Junge noch trotz Kinnbart – Typ Sonnyboy, den eine Mutter nie ganz loslassen kann. 24 Jahre ist Aiham Ghasul auf dem Bild, er hat nur noch kurze Zeit zu leben.

Mariam Alhallak, die Mutter, trägt das Haar unter einem Hidschab verborgen, ihr Gesicht hat jenen Ausdruck unnahbarer Erschöpfung, an dem man auf Beiruts Straßen die Syrer erkennt. Sie hat ihre Heimat vor Monaten verlassen, weil es niemanden mehr gab, für den sich das Bleiben gelohnt hätte. Und weil sie nicht auch "verschwinden" wollte, wie so viele andere, die vor den Toren syrischer Gefängnisse allzu hartnäckig nach dem Schicksal Verhafteter forschen. Ihr Mann ist noch vor Beginn des Kriegs gestorben, der älteste Sohn nach Neuseeland emigriert, der zweite kam 2015 mit dem Flüchtlingstreck übers Mittelmeer nach Deutschland. Nur die Mutter blieb, um nach Aiham zu suchen – oder nach dem, was von ihm noch übrig sein würde. Am Ende bekam sie nichts als einen Totenschein. "Aiham Ghasul, verstorben am 11. 11. 2012 an Herzversagen".

Eines, sagt sie, bleibe ihr noch zu tun für ihren Sohn: die wahre Geschichte seines Todes vor ein Gericht bringen, "damit jeder erfährt, was passiert ist".

Mariam Alhallak hat Aihams mutmaßliche Mörder angezeigt. Nicht im Libanon, wo sich kein Staatsanwalt, kein Richter mit dem Regime des Nachbarlandes Syrien (und mit dessen mächtigem libanesischem Verbündeten, der Hisbollah) anlegt. Sondern mit Unterstützung deutscher und syrischer Anwälte bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Es klingt nach einem Symbol der Hilflosigkeit: eine Strafanzeige, Tausende Kilometer vom Tatort entfernt, gegen Angehörige einer Diktatur, die seit sechs Jahren vor den Augen der Weltöffentlichkeit ungehindert auf Menschenrechten und Völkerrecht herumtrampelt. Aber Frau Alhallak ist nicht die Einzige, die das Assad-Regime mithilfe der ausländischen Justiz zur Rechenschaft zu ziehen sucht. In Spanien, Frankreich und in den USA sind schon erste Verfahren im Gang. Die Bundesanwaltschaft hat im Fall von Aiham Ghasul und weiteren Opfern des Regimes mit der Vernehmung von Zeugen begonnen.

Ghasuls Geschichte beginnt Anfang 2011, als in Damaskus, Homs, Daraa die ersten Demonstranten gegen Korruption, soziales Elend und den seit 40 Jahren herrschenden Ausnahmezustand auf die Straße gehen. Natürlich, sagt Mariam Alhallak, seien ihre Söhne bei den Protesten dabei gewesen. Immer in fremden Vierteln, nie im eigenen, wo die Spitzel des Regimes jedes Gesicht kannten. Und natürlich habe sie Angst gehabt, "aber ich habe sie auch unterstützt". Aiham, gerade dabei, sein Studium der Zahnmedizin zu beenden, schließt sich dem "Zentrum für Medien- und Meinungsfreiheit" des Rechtsanwalts Masen Darwisch an, der hatte die syrische Partnerorganisation von "Reporter ohne Grenzen" bereits 2004 gegründet und war schon mehrmals verhaftet worden.

Sie rief ihren Sohn aus Sorge täglich an. Doch plötzlich war sein Telefon ausgeschaltet

Es herrscht eine Mischung aus Hoffnung und Ungläubigkeit in diesen ersten Tagen. Die Menschen sind über den eigenen Mut ebenso erstaunt wie das Regime. Dieses Regime lässt zunächst auf Demonstranten schießen, doch als Assad sein Kabinett auflöst und für den 30. März 2011 eine Rede an die Nation ankündigt, erwarten viele sein Einlenken. Stattdessen kommt die Kriegserklärung: "Es ist eine nationale, moralische und religiöse Pflicht, diesen Aufruhr zu begraben." Syriens Präsident droht, wer ihr nicht nachkomme, stecke mit den Aufrührern unter einer Decke. Mariam Alhallak weiß, dass jetzt vor allem Aktivisten wie ihr Sohn ins Visier geraten.

Die ersten Verhaftungswellen rollen. Im Mai 2011 machen Bilder von der Leiche des 13-jährigen Hamsa al-Chatib die Runde, der nach Protesten im südsyrischen Daraa verhaftet worden ist. Der Kopf von Schlägen entstellt, die Arme gebrochen, der Penis abgeschnitten. Die Wut in den Straßen wächst.

"Im Februar 2012 ist es dann zum ersten Mal passiert", sagt Mariam Alhallak. "Ein Freund rief an und sagte, Aiham sei verhaftet worden." Ein Polizeikommando hat das Zentrum für Medien- und Meinungsfreiheit gestürmt. Darwisch, seine Frau, Aiham und mehrere andere Mitarbeiter sind abgeführt worden. Wie auch in anderen Diktaturen ist der syrische Sicherheitsapparat keine straffe Einheit, sondern eher ein Labyrinth aus verschiedenen konkurrierenden Geheimdiensten, Verhörzentren und Gefängnissen. Mariam Alhallak irrt auf der Suche nach ihrem Sohn zwischen Strafanstalten, Gerichtsgebäuden und Militärkrankenhäusern umher. Als Aiham Ghasul nach drei Monaten nach Hause kommt, hat er mehrere Wochen in den Verhörzellen des Luftwaffen-Geheimdienstes, des Adra-Gefängnisses und der 4. Heeresdivision hinter sich. Diese untersteht Baschar al-Assads Bruder Mahir, der nach Einschätzung der EU federführend bei der Niederschlagung der Proteste war. Ein Video von 2011 zeigt, wie Mahir al-Assad selber auf unbewaffnete Demonstranten schießt. Aiham hat 15 Kilo Körpergewicht verloren, die Wunden von Schlägen mit Rohren und Kabeln sind noch nicht verheilt, seine Nieren bluten. "Ich habe ihn fast nicht erkannt", sagt seine Mutter.