Der Club steckt im Fuß einer riesigen Betonbrücke, die nachts den Fluss Mtkwari mit einem Bogen aus blauem Neon überspannt. Am Ende des Bogens, wo das Licht lila wird, dringt dumpfes Stampfen aus einer weit geöffneten Stahltür. Davor drängen sich einige Dutzend Georgier, winken mit Tickets und leuchtenden Telefonen, stehen in mehreren Schlangen an, bilden pulsierende Gruppen, um Zigaretten und Feuer zu teilen. Die Türsteher ragen grimmig aus dem Chaos hervor.

Khidi ("Die Brücke"), Tbilissis neuester Technoclub, feiert seinen ersten Geburtstag. Wo bitte soll man in diesem Gewusel anstehen? Plötzlich ein Ansturm, man wird durchs Gatter geschoben. "Ticket?", fragt die tätowierte Selecteuse im asymmetrischen schwarzen Kleid und tippt einem energisch auf die Brust. Ein paar Meter weiter kriegt man von einem knochigen Jungen mit weiß gebleichten Haaren einen schwarzen Sticker aufs Telefon. "Fotos nur ohne Blitz! Und dreh die Helligkeit deines Bildschirms runter!", blafft er. Es soll dunkel bleiben. Das ganze Metall in seinem Gesicht glänzt blau im Neonlicht. Dann ist man drin.

Georgiens Hauptstadt gilt als neue Metropole des Techno und zieht, wie Berlin nach dem Mauerfall, Feiernde aus aller Welt an. Die besten DJs prügeln sich fast darum, hier zu spielen, die Clubs werden euphorisch gefeiert, Besucher schwärmen von einer fantastischen Zeitreise zurück in die neunziger Jahre, als Techno noch eine Utopie war und die Globalisierung eine Verheißung. Georgien, ein uraltes Land voller sorgfältig gepflegter Traditionen, rast der Zukunft entgegen, seit es der ehemalige Präsident Michail Saakaschwili in den nuller Jahren radikal reformierte. Die Aufholjagd zum Westen hat Tbilissi eine Reihe fantastisch-experimenteller Bauten von Architekten wie Jürgen Mayer H. oder Massimiliano Fuksas beschert, hat der Kunst neue Räume erschlossen – und das Nachtleben explodieren lassen.

Die Musik im Khidi ist so laut, dass jeder Anschein von Nüchternheit weggefegt wird von den Bässen, zu denen ein Meer von schwarzen Silhouetten durch die Dunkelheit brandet. Der Berliner DJ Phase Fatale spielt dunklen, aggressiven Techno, seine bleichen Arme schießen aus einem schwarzen Tanktop empor. Unter dem Druck der Lautsprecher verdichtet sich die Luft, bis sie fast flüssig wird, heiß und klebrig, wie Melasse, gegen deren Widerstand die verzweifelt tanzenden Menschen ihre Arme nur noch wie in Zeitlupe in die Höhe strecken können. Die Musik vibriert durch ihre Körper, als wären sie selbst Instrumente, ein riesiges Perkussionsorchester, die Musik läuft ihnen den Rücken hinunter und kommt an den Fingerspitzen wieder hinaus. Ihre strahlenden Gesichter, kaugummikauenden Münder und weit geöffneten Augen schreien: Hunger! Hunger nach Musik, nach Spaß, nach Ablenkung. Vielleicht auch: nach Westen.

Schon am Flughafen wird einem dieser Hunger eingehämmert. Gerade flog man noch über die verrottenden Reste sowjetischer Schwerindustrie, da dockt die Maschine an eine Amöbe aus Glas und Stahl an. Willkommen in der neuen Zeit, auch wir gehören dazu, scheint dieses Gebäude einem zuzurufen. Überall sind EU-Flaggen aufgehängt und aufgeklebt – dabei gehört Georgien gar nicht zur Europäischen Union. Zwischen den ganzen Flaggen wird schon vor der Passkontrolle für ein Electro-Festival geworben, für die Musik der Globalisierung: Beats ohne Gesang, ohne Sprache, für alle gleich verständlich. Selbst der Taxifahrer hört eine selbst gebrannte Electro-Mix-CD.

Die Autobahn in die Stadt führt durch riesige Plattenbaugebiete, in denen noch immer die meisten der 1,5 Millionen Einwohner leben. Aber an der Straße stehen futuristische Shoppingmalls und Raststätten europäischer Architekten wie steinerne Versprechen. Gleich neben dem zentralen Freiheitsplatz wirbt ein "Informationszentrum für EU und Nato" mit Kinderzeichnungen für die militärische Allianz. Techno! Freiheit! Nato! In Tbilissi, hat man das Gefühl, geht das alles ineinander über.

Zu Sowjetzeiten galt Georgien als das Italien der Union, das südliche Land jenseits der Berge, in dem Licht, Wärme, Farbe und Geschmack zu Hause sind. Kein Wunder, denkt man auf dem Weg vom Freiheitsplatz in die Altstadt über pariserisch anmutende Boulevards voller zauberhaft runtergerockter Großbürgerbauten. Alles sieht unaufgeregt schön aus, in kleinen Parks und auf Plätzen sitzen Menschen und trinken Wein, von dem die Georgier behaupten, sie hätten ihn erfunden. Katzen gähnen in den letzten Sonnenstrahlen. Vom Hausberg Mtazminda blinkt der retrofuturistische sowjetische Fernsehturm rüber. Man ertappt sich beim Gedanken: Ist wie Europa hier. Frechheit: Ist ja Europa.

Inmitten geradezu Disneyland-artig herausgeputzter Altstadtgassen, zwischen farbigen Häusern mit hölzernen Terrassen, die sich hügelaufwärts bis zur alten Burg hochziehen, steht das Art-Cafe Home. Trotz bescheuertem Namen gehört es zur neuen Party-Ära der Stadt. Eine Mischung aus Bar und Club, verteilt über drei Stockwerke eines Altbaus, auch ein Kleiderladen gehört dazu. Die Turntables sind mit mechanischen Nähmaschinen umstellt, überall stehen riesige Plüschsofas. Eine Deko wie im Berlin der nuller Jahre, bevor alles schwarz sein musste oder aus unbehandeltem Holz und Kupfer. Von der mit farbigen Tüchern überspannten Terrasse sieht man, wie am Horizont kitschig die Sonne untergeht, mit einem goldenen Widerschein auf den vielen orthodoxen Kirchen der Stadt. In einem herumstehenden Sessel fläzt sich ein Typ mit kunstvoll zerzaustem Haar, lang und dünn und Kette rauchend, ein Cocktailglas in der Hand. Ein ziemlicher Checker, der mit allen plaudert, die vorbeikommen. Giorgi heißt er, natürlich. In Georgien wimmelt es von Giorgis. Der Schutzheilige des Landes ist ja auch der heilige Georg, der einem Drachen ziemlich unzimperlich eine Lanze durch den Rachen stach. Wobei: Georgien heißt auf Georgisch gar nicht Georgien, sondern Sakartwelo. Und die Sprache nicht Georgisch, sondern Kartweli. Alles ziemlich kontraintuitiv hier. Stellt sich raus: Giorgi Kekelidze gehört der Schuppen. Sag mal, Giorgi, woher der Boom? Woher der Draht zur Musik?